"Chance für Religionsunterricht, sich zu profilieren"

19. März 2009, 16:17
30 Postings

Ethikunterricht an Österreichs Schulen ist notwendig, es hapert allerdings an der Umsetzung

"Der Ruf nach Ethik wird immer dann laut, wenn etwas Schreckliches passiert ist", meinte Christa Schnabl, Vizerektorin der Uni Wien, mit Bezug auf den Amoklauf von Winnenden. Doch statt Jahrzehnte nur darüber zu diskutieren und Schulversuche durchzuführen, sei es jetzt an der Zeit den Ethikunterricht auch im Regelunterricht einzuführen. Mit dieser Forderung begrüßte Schnabl die Besucher der Veranstaltung "Ethikunterricht - mehr als ein Lehrfach".

Im großen Lesesaal der Uni-Bibliothek Wien, wo ansonsten bis 22 Uhr die Studierenden vor ihren Büchern sitzen, diskutierten gestern abends ÖVP-Abgeordnete Katharina Cortolezis-Schlager, BORG-Direktor Michael Hahn, Altdekan Gottfried Adam von der Evangelisch-Theologische Fakultät und Ulrike Greiner, Rektorin der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien-Krems, über die Notwendigkeit eines österreichweiten Ethikunterrichts.

Genug evaluiert

Am Podium war man sich erstaunlich einig, dass Ethikunterricht schnellst möglich österreichweit eingeführt werden müsse, allerdings nicht als freiwilliges Ersatzfach, sondern als alternativer Pflichtgegenstand anstatt des  Religionsunterrichts."Seit 12 Jahren wird dieser Schulversuch wissenschaftlich evaluiert. Die Ergebnisse sind positiv. Mehr kann man nicht mehr tun, um die Einführung in den Regelunterricht vorzubereiten", meinte Cortolezis-Schlager.

Dass es bis dato jedoch immer noch an der Umsetzung hakt, liegt aber in erster Linie an der Politik. Geplant war eine parlamentarische Enquete über Ethikunterricht schon in der letzten Legislaturperiode, doch davor kam es zum Bruch der Koalition. Die parlamentarische Enquete wurde zwar auch im neuen Koalitionsabkommen verankert, ist jedoch erst im Herbst 2009 angesetzt. Davor wird es also auch keine gesetzlichen Neuregelungen zum Ethikunterricht geben.

Gleichrangiger Stellenwert

Betroffenheit herrscht bei Rektorin Greiner und Alt-Dekan Kampits auch darüber, dass Bundesministerin Schmied kurzfristig die Finanzierung eines neuen Uni-Lehrganges zurückgezogen habe. Der Grund dafür, so glauben die beiden, sei die budgetäre Unsicherheit. Daneben seien aber auch die gesetzlichen Hindernisse nicht aus dem Weg geräumt worden, um die Zusammenarbeit von Universität und Pädagogischer Hochschule reibungslos gewährleisten zu können.

Rektorin Ulrike Greiner bietet seit einiger Zeit in Kooperation mit der Universität Wien einen interdisziplinären Lehrgang für Ethikunterricht an. Sie sieht die Differenz, die es zwischen den Fächern Ethik und Religion gebe, auch als "Chance für den Religionsunterricht sich zu profilieren". Die beiden Fächer müssten gleichrangig nebeneinander bestehen, ohne Konkurrenz entstehen zu lassen.

Inhaltliche Auseinandersetzung fehlt

Michael Hahn, Direktor des BORG Hegelgasse, ist ein Pionier des Ethikunterrichts. An seiner Schule läuft der Schulversuch schon seit 13 Jahren. "Rückblickend gesehen war die Einführung eine Win-Win Situation", sagt er. Im Rahmen des Unterrichts sei Platz für die Erarbeitung einer Kommunikations- und Diskussionskultur. Einziger Wermutstropfen: Hahn muss den Schulversuch aus dem eigenen Schulbudget zahlen, das gehe natürlich zu Lasten anderer Schulangebote. In Blick Richtung Politik meinte er: "Es ist eine Schande und ein untragbarer Zustand."

Was denn nun wirklich im Ethikunterricht gelehrt werden soll, war auch nach dieser Diskussionsrunde nicht ganz klar. Einzig die österreichische Verfassung wurde als die "Leitplanke" des Ethikunterrichts festgelegt. Hahn meinte, dass es nicht darum gehe, welche Ethik unterrichtet werde, sondern darum, ob ein ethisches Bewusstsein geschaffen werde. Da sich subjektive Ansätze im Unterricht nicht vermeiden lassen, gewährleistet Hahn an seiner Schule ein gewisses Maß an Pluralität: "Die Klassen haben in Ethik jedes Semester einen anderen Lehrer."

Derzeit gibt es an über 130 Schulen in Österreich "Ethikunterricht".  Dieser wird als Schulversuch geführt und muss von den Schulen aus eigener Tasche bezahlt werden. (edt/derStandard.at, 19.3.2009)

Share if you care.