Staatsanwältin forderte lebenslange Haft

19. März 2009, 14:23
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"Gehen Sie nicht in diese Falle, wie seine Tochter vor 24 Jahren in eine Falle gegangen ist" - Josef F.: "Ich bereue es aus ganzem Herzen, was ich meiner Familie angetan habe"

St.Pölten - Am Donnerstagvormittag haben sich die Geschworenen zur Beratung zurückgezogen. Das Urteil gegen den 73-jährigen Josef F. wird nach 13.00 Uhr erwartet. Ursprünglich war der Prozess bis Freitag geplant.  Die Staatsanwältin Christiane Burkheiser und Verteidiger Rudolf Mayer richteten sich in ihren Schlussplädoyers ein letztes Mal an die Geschworenen.

Das letzte Wort hatte der Angeklagte selbst: "Ich bereue es aus ganzem Herzen, was ich meiner Familie angetan habe. Ich kann es leider nicht mehr gut machen. Ich kann nur schauen, den Schaden nach Möglichkeit zu begrenzen."

Staatsanwältin Burkheiser forderte in ihrem Schlussvortrag die Geschworenen dazu auf, Josef F. in sämtlichen Anklagepunkten und vor allem auch zum inkriminierten Mord durch Unterlassung schuldig zu sprechen. Dafür gebühre dem Angeklagten die Höchststrafe. Das wäre lebenslang.

Zustand völliger Abhängigkeit

Burkheiser fasste sich in ihrem Schlussplädoyer erstaunlich kurz. Keine 20 Minuten sprach sie zu den Geschworenen, weil das Beweisverfahren ihrer Ansicht nach keinen Zweifel daran gelassen hätte, dass sich der 73-Jährigen der hundertfachen Vergewaltigung seiner Tochter, der Freiheitsentziehung, der Blutschande und der schweren Nötigung schuldig gemacht habe.

Erwiesen sei auch, dass der Angeklagte die Tochter in einen "Zustand völliger Abhängigkeit" gebracht und "wie sein Eigentum, wie seinen Besitz" behandelt habe. Damit sei auch der Tatbestand des Sklavenhandels erfüllt.

Versuch Geschworene zu täuschen

Genauer ging die Staatsanwältin auf die Mordanklage ein. Der Angeklagte habe in einem "letzten Akt dieses Dramas" den Versuch unternommen, die Geschworenen zu täuschen. Sein diesbezüglich am dritten Verhandlungstag abgelegtes Schuldeingeständnis sei nämlich "gar kein Geständnis, sondern ein Versuch aus einer vorgetäuschten Schwäche eine Stärke zu machen", meinte Burkheiser. In Wahrheit habe der Mann in Bezug auf das Ableben des Säuglings nur eine fahrlässige Tötung zugegeben.

Josef F. hatte 66 Stunden Zeit sein Kind zu retten

"Gehen Sie nicht in diese Falle, wie seine Tochter vor 24 Jahren in eine Falle gegangen ist", appellierte die Staatsanwältin und verwies auf das neonatologische Gutachten, das unter Ausschluss der Öffentlichkeit behandelt worden war.

Der Expertise zufolge könne "jeder Laie erkennen, dass das Kind mit dem Tod ringt", erklärte Burkheiser. 66 Stunden lang hätte der Bub mit dem Tod gerungen. Er kam 1996 unter größten Atemschwierigkeiten zur Welt, weil seine Nabelschnur um seinen Hals gewickelt war. "Diesen Todeskampf hat man dem Kind nicht nur angesehen, sondern auch angehört", so Burkheiser. Und weiter: "Josef F. hatte 66 Stunden Zeit sich zu entscheiden, ob er seinen Sohn rettet." Der Mann habe nichts unternommen, keine ärztliche Hilfe geholt und damit den Tod des Buben vorsätzlich und wissentlich in Kauf genommen.

Opfer-Anwältin: "Glauben Sie dem Angeklagten kein Wort"

"Glauben Sie dem Angeklagten kein Wort", wandte sich Opferanwältin Eva Plaz an die Geschworenen.  "Der Säugling starb qualvoll", so Plaz.  Das Baby hätte mit medizinischer Hilfe überleben können. Josef F. habe bemerkt, dass es schwer atme, er habe es aber unterlassen, zu helfen. Zum Geständnis des Angeklagten meinte sie, dass es widersprüchlich sei. Der Beschuldigte habe keine Reue gezeigt.

Ihre Mandantin, die 42-jährige Tochter von F., habe im Video - für sich selbst gesprochen. Sie habe die Aussage nur aus einem Grund getan: "... weil sie es ihrem Kind schuldet und sie will, dass sich F. für den Tod verantworten muss."

Verteidiger: Kein "Drumherumkommen" um die Höchststrafe

Anders  Rechtsanwalt Mayer: Aus Sicht des Anwalts handelte es sich um ein im Stich lassen des Babys.  Er wies in seinem Plädoyer darauf hin, dass sich sein Mandant in jenen 66 Stunden, in denen das Baby nach Darstellung der Staatsanwältin mit dem Tod gekämpft hat, nicht durchgehend im Keller befunden habe. F. sei nur manchmal runter gekommen, wie Mayer betonte.

Seinem Mandanten gehe es nicht um ein "Drumherumkommen" um die Höchststrafe. Mayer verwies darauf, dass sein Mandant bei einer Verurteilung zu 20 Jahren Haft mit 93 Jahren in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen werden würde.

Fragenkatalog

Dann wurde der  Fragenkatalog verlesen, den die Geschworenen am Ende ihrer Beratung beantworten müssen. Sollte Josef F. in allen Anklagepunkten schuldig erkannt werden,  drohen ihm zehn bis 20 Jahre oder lebenslange Haft. Sollte der Angeklagte zu einer zeitlich begrenzten Haftstrafe verurteilt werden, könnte er - falls die Geschworenem diesem Antrag Folge leisten - nach Verbüßung seiner Strafe weiter unbefristet angehalten werden.

Volle Zurechnungsfähigkeit

Er selbst überraschte am Mittwoch mit einem vollinhaltlichem Schuldbekenntnis. Dieses umfasst Mord durch Unterlassung, Sklavenhandel, Freiheitsentziehung, Vergewaltigung, Blutschande und schwere Nötigung. Die Staatsanwältin Christiane Burkheiser hat die Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher beantragt. Das psychiatrische Gutachten hat ihm volle Zurechnungsfähigkeit aber auch eine schwere Persönlichkeitsstörung bescheinigt. Das Gutachten beschreibt seinen Zustand ohne therapeutische Behandlung weiterhin als gefährlich.

Stark suizidgefährdet

Die Psychiaterin Adelheid Kastner, die das Gutachten erstellt hat, hält den 73-Jährigen für stark selbstmordgefährdet. Kastner, die im Rahmen ihrer gutachterlichen Tätigkeit insgesamt 25 Stunden mit dem Angeklagten gesprochen hat, begründete dies mit der jüngsten Entwicklung im Prozess.

"Kartenhaus eingestürzt"

Das formale Schuldbekenntnis von F. sei offensichtlich unter dem Eindruck des im Gerichtssaal abgespielten Videos mit seiner Tochter zustande gekommen. Dies wertet Kastner als "Moment, an dem das Kartenhaus eingestürzt ist". Mit der nunmehrigen Realität werde Josef F. "schlecht leben" können.(APA)

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    Die Staatsanwältin Christiane Burkheiser hat in  ihrem Schlussplädoyer lebenslange Haft beantragt

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    Nur 95 Journalisten werden in den Gerichtsaal eingelassen - Der Rest der Reporter warten im Medien-Zelt vor dem Gericht auf das Urteil

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