Pro: Die Welt, wie sie ist

18. März 2009, 20:42
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Der Papst scheint wieder einmal ein Problem in seiner globalen Dimension zu verkennen - von Josef Kirchengast

Es stimmt ja. Papst Benedikt XVI. ist nicht nur Theologe und Dogmatiker, er ist auch lernfähig. Das hat er mit seinem jüngsten Schreiben an die Bischöfe bewiesen. Darin bekennt er Fehler in der unseligen Affäre um den wieder in den Schoß der Kirche aufgenommenen Holocaust-Leugner Williamson ein. Freilich in einem Ton, der nicht frei von Selbstmitleid ist - wenn er sich etwa über jene Katholiken beklagt, die wieder einmal "sprungbereit" auf den Papst "einschlagen zu müssen glaubten".

Mit seinem Brief hat der Papst die Aufregung, die einige seiner Entscheidungen und Aussagen seit seinem Amtsantritt ausgelöst haben, selbst gerechtfertigt. Er hat, und das ist ein durchaus sympathischer Zug, höchstpersönlich, wenn auch indirekt, die Unfehlbarkeit des Amtes hinterfragt. (Was er übrigens schon bei früheren vergleichbaren Anlässen tat.)

Die Aussage Benedikts, dass Kondome das Aids-Problem nicht lösen, sondern nur noch verstärken, hat erwartungsgemäß scharfen Widerspruch ausgelöst. Auch innerhalb der katholischen Kirche. Das ist gut, und wer will, kann darin das Wirken des Heiligen Geistes sehen.

Aber das war wohl nicht die Absicht des Papstes. Vielmehr scheint er, aus seiner theologisch-dogmatischen Prägung heraus, wieder einmal ein Problem in seiner globalen Dimension zu verkennen, indem er nicht von der Welt ausgeht, wie sie ist, sondern wie er sie gerne hätte.

Das ist das gute Recht eines religiösen Oberhauptes, kann man einwenden. Richtig. Aber ist es den Preis - nämlich nicht mehr ernst genommen zu werden - wert? (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 19.3.2009)

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