Schulstreit: Höchste Zeit für eine Fristenlösung

18. März 2009, 19:50
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Die Lehrerschaft soll aus der gegenwärtigen Not eine Tugend machen - Von Karl Heinz Gruber

Liebe Kolleginnen und liebe Kollegen! Als "Urheber" des Vorschlags, die Erhöhung der Lehrverpflichtung auf zwei Jahre zu befristen und gleichzeitig eine Taskforce einzusetzen, die das Problem Lehrerarbeitszeit umfassend und nachhaltig klärt, betrachte ich mich in gewissem Maße für die gegenwärtigen bildungspolitischen Turbulenzen mitverantwortlich. Als ich in ZiB 2 Interview mit Armin Wolf meinen Vorschlag machte, hatte ich Folgendes im Hinterkopf:

1) Die Ankündigung von Unterrichtsministerin Claudia Schmied, dass die Lehrer ab dem nächsten Schuljahr zwei Wochenstunden mehr unterrichten sollen, erfolgte "suboptimal" (der Euphemismus des Jahres).
2) Österreich befindet sich in einer weltweiten Wirtschaftskrise, die nicht bloß die Banken und die Autoindustrie, sondern das gesamte Gemeinwesen, darunter die Eltern aller Schüler, betrifft.
3) In der Sora-Studie "LehrerIn 2000" haben alarmierend viele Lehrer/innen "das schlechte Image des Lehrberufs in der Öffentlichkeit" als gravierende Belastung ihrer beruflichen Situation bezeichnet.
4) Es gibt jede Menge "persönliche Erfahrungen" , wie einzelne Lehrer mit dem Problem Arbeitszeit umgehen (selbstausbeutend bis minimalistisch), aber keine verlässliche Datenbasis.
5) Man sollte auch in Österreich ernsthaft erwägen, ob nicht, wie in einer wachsenden Zahl europäischer Länder, der Übergang zum Ganztagschulbetrieb und die Verlagerung der Arbeitszeitregelung der Lehrer in die Autonomie der einzelnen Schule befriedigendere Optionen wären als die Beibehaltung des Status quo mit kleinen Retuschen.
Ich betrachte meinen Vorschlag als einen rationalen, zumutbaren und würdigen Ausweg aus einer ziemlich verfahrenen Situation. In den Dienststellenversammlungen an den Schulen kam jede Menge Frust und Ärger hoch. Das musste sein, das erforderte die kollektive Psychohygiene. Es wäre jedoch ein Zeichen von unangemessener Wehleidigkeit und mangelnder Professionalität, die "Beleidigungen" durch die ministerielle Vorgangsweise und durch unbedarfte mediale Generalisierungen ("vollbezahlter Halbtagsjob" ) weiterzuschleppen. Als Profis in einem anspruchsvollen Sozialberuf haben Lehrer gelernt, mit widrigen Situationen umzugehen und negative Affekte wegzustecken.
Das Akzeptieren der auf zwei Jahre befristeten Mehrarbeit wäre ein Signal an die Gesellschaft, dass die 120.000 österreichischen Lehrerinnen und Lehrer nicht, wie ihnen unterstellt wird, weltfremde Besitzstandswahrer sind , sondern bereit, einen Akt der Solidarität mit den (gerade noch) Beschäftigten in der krisengebeutelten Realwirtschaft zu setzen. Ich kann mir keine Maßnahme vorstellen, die geeigneter wäre, das Bild der Lehrerschaft in der Öffentlichkeit zu verbessern, als diese - zugegeben schmerzhafte - Vorleistung.

Eine Vorleistung deswegen, weil die Zustimmung der Lehrerschaft bzw. der Gewerkschaft rasch erfolgen muss, im Vertrauen darauf, dass die Grimmigkeit des im April präsentierten Doppel-Budgets ihr Opfer rechtfertigt, und unter der Bedingung, dass in den nächsten zwei Jahren eine faire Neudefinition der Lehrerarbeitszeit erfolgt. Dringlich ist die Entscheidung deshalb, weil den Schulleitungen nicht zuzumuten ist, für zwei Szenarien, einmal mit und einmal ohne Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung, Arbeitspläne für das nächste Schuljahr zu erstellen.
"Window of opportunity"

Bildungsministerin Schmied hat den zweiten Teil meines Vorschlags auf ein "neues Dienstrecht" reduziert. Wenn all das, was sie an schulischen Innovationen beabsichtigt, unter tauglichen Rahmenbedingungen realisierbar sein soll, dann braucht es sehr viel mehr als eine Dienstrechtsänderung. Die Taskforce, die ich vorschlage, hätte den Reformstau aufzuarbeiten, der in den letzten Jahrzehnten entstanden ist, hätte an die Berichte der bisherigen Schulreform-Kommissionen anzuknüpfen und hätte zu klären, welche "systemischen" Konsequenzen sich mittel- und langfristig aus bestimmten Maßnahmen, insbesondere dem Ganztagschulbetrieb, für den Schulbau, die Lehrerbildung, den wachsenden Frauenanteil in der Lehrerschaft und vieles mehr, ergeben.

Ich fände es verantwortungsvoll, weitsichtig und für den verkrampften Bildungsdiskurs außerordentlich erfrischend, wenn die österreichische Lehrerschaft aus der gegenwärtigen Not eine Tugend machte und das sich bietende "window of opportunity" nutzte, um ihr gesellschaftliches Image zu verbessern und die Modernisierung der österreichischen Schulen ein Stück weiterzubringen.

Alles Gute, Ihr
Karl Heinz Gruber

Postscriptum: Wenn ich Sie als Kolleginnen und Kollegen anspreche, dann ist das keine billige Anbiederung. Ich bin seit Jahrzehnten an der universitären Lehrerbildung beteiligt und habe viele Jahre Lehrveranstaltungen gehalten, die zur Hälfte an der Universität, zur Hälfte an Schulen stattgefunden haben. Ich habe eine Ahnung davon, wie es Lehrer/innen an einem Freitag in der sechsten Unterrichtsstunde geht. Ich wage es kaum zu erwähnen, dass ich selber einmal Lehrer im oberösterreichischen Sauwald war. Es war die heile Welt der 1960er-Jahre. Die braven Innviertler Bauernkinder pflückten mir auf dem Schulweg Walderdbeeren. Diese Zeiten sind endgültig vorbei. In der vergangenen Woche gab es in meiner Vorlesung für Lehramtsstudierende nicht nur keine Erdbeeren: Es rannte eine Ratte durch den Hörsaal.
*Der Autor lehrt seit mehr als 40 Jahren Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Uni Wien; morgen, Freitag, treffen Ministerin Schmied und die Vertreter der Beamtengewerkschaft zur nächsten Verhandlungsrunde zusammen.
Warum das Akzeptieren einer auf zwei Jahre begrenzten Mehrarbeit im Klassenzimmer in mehrfacher Hinsicht aus der gegenwärtigen Not eine Tugend machen würde: offener Brief an die österreichische Lehrerschaft. (Karl Heinz Gruber/DER STANDARD-Printausgabe, 19. März 2009)

*Der Autor lehrt seit mehr als 40 Jahren Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Uni Wien.

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