Barack Obama und der Segen des Allmächtigen

18. März 2009, 18:07
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Der Präsident will der Krise auf allen Ebenen begegnen: das Bildungssystem, die Energiepolitik und die Gesundheitsversorgung umkrempeln

Angesichts steigender Arbeitslosigkeit mehrt sich allerdings Kritik.

Neulich, da klang es fast nach Galgenhumor. Der brasilianische Präsident war zu Gast, vor dem dekorativen Kamin des Oval Office offenbarte er Mitgefühl für Barack Obama. Oh nein, er möchte nicht in dessen Schuhen stecken, sagte Luiz Inácio Lula da Silva. Er flehe um den Segen des Allmächtigen für seinen amerikanischen Freund, noch öfter als für sich selber. Obama lächelte kurz und erwiderte trocken: "Das klingt, als hätten Sie mit meiner Frau gesprochen."

Da war er wieder, der kühle Jus-Professor, der mit Selbstironie auf eine Durststrecke reagiert. Eben noch als historischer Wahlsieger gefeiert, muss der Senkrechtstarter gegen heftigen Gegenwind segeln. Die Arbeitslosigkeit schnellt nach oben, das Budgetdefizit wächst. Zur Finanzierung der Haushaltslöcher werden wohl die Steuern bald deutlicher steigen müssen. Die republikanische Opposition hat alle Sonntagspredigten vom nationalen Schulterschluss schnell vergessen und bürdet dem Erben Bushs sämtliche Verantwortung auf. Wieso hat er die Ökonomie noch nicht repariert? Warum sind die Aktienkurse gefallen, seit er amtiert? Dies sei Obamas Bärenmarkt, ein Phänomen der "Obamabears" , beschweren sich konservative Kommentatoren.

Die 100-Tage-Schonfrist, der Honeymoon, wie er jedem Neuling zusteht, scheint für den Ex-Senator aus Illinois nicht zu gelten. Prägnant bringt das liberale Magazin Harper's auf den Punkt, welch überzogene Erwartungshaltung da im Spiel ist. Wann, ließ die Redaktion ihre Leser raten, schrieb eine amerikanische Zeitung erstmals davon, dass der Honeymoon für Obama vorüber sei? Die Antwort: Am 20. Jänner, dem Tag seines Amtseids. Selbst die gelassene Art des 47-Jährigen, der versucht, ringsum die Ruhe zu wahren, passt den Kritikern nicht. Wieso, fragen sie, lässt er in diesem Jammertal nicht mehr Emotionen erkennen?

Zu vage, zu lau, zu ehrgeizig, zu viel: Die Palette der Vorwürfe, die auf den Präsidenten einprasseln, ist so breit wie widersprüchlich. Sein erster, zweiter und dritter Job müsse es sein, den "Wirtschaftskrieg" zu gewinnen, fordert Warren Buffett, der Milliardeninvestor, der Obama im Wahlkampf beriet. "Man kann nicht erwarten, dass sich die Leute um dich sammeln, wenn du ihnen zu viel auf einmal in die Kehle stopfst."

Mehr Gemeinsinn

Obama will nicht auf das Ende der Rezession warten, bevor er sich an überfällige Reformen wagt. Das Drehen an ein paar Schrauben ist nicht seine Sache, er will das Land genauso umkrempeln, wie Ronald Reagan es tat, nur andersherum, hin zu mehr Gemeinsinn. Dabei bleibt ihm kaum Zeit, deutlich zu machen, was er in der Weltpolitik ändern möchte. Ein Neustart mit Russland, das ist bislang das Konkreteste, während die erhoffte Friedensinitiative in Nahost ebenso auf sich warten lässt wie der angepeilte Dialog mit Iran. Aber zugleich skizziert er kühne Pläne für den Umbau des Bildungssystems, der Gesundheitsversorgung und einer Energiepolitik, die Amerika unabhängiger vom Öl aus der mittelöstlichen Krisenregion machen soll.

Nichts davon könne aufgeschoben werden, bis der Aufschwung greife, betont Obama. "Ich weiß, es gibt manche, die glauben, dass wir uns immer nur einem Problem widmen können." Aber habe Abraham Lincoln nicht auch ein Jahrhundertprojekt durchgesetzt, die transkontinentale Eisenbahn, obwohl ein Bürgerkrieg tobte? Hillary Clinton, die Außenministerin, hat die Strategie des großen Wurfs in die markantesten Worte gekleidet: "Lass eine gute Krise nie ungenutzt verstreichen." (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 19.3.2009)

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    Lula betet für Obama, der US-Präsident kann's brauchen.

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