Das langsame Sterben des Toten Meeres

18. März 2009, 17:47
26 Postings

Sein Pegel fällt einer neuen Studie zufolge pro Jahr um 70 Zentimeter: Ohne Gegenmaßnahmen wird es in gut 300 Jahren ausgetrocknet sein

Berlin - Urlauber, die auf dem Wasser treibend Zeitung lesen, haben es bekannt gemacht. Der hohe Salzgehalt des Toten Meers zwischen Israel und Jordanien sorgt für enormen Auftrieb. Im Salzsee ist pro Liter Wasser zehnmal so viel Salz gelöst wie im Mittelmeer. Haut- und Lungenkranke nutzen die heilsame Wirkung des Salzwassers.

Doch viele der Kurhotels, die einst mit ihrer Uferlage warben, liegen mittlerweile hunderte Meter landeinwärts. Der Pegel des Toten Meeres fällt rapide, pro Jahr um 70 Zentimeter, berichtet die Geoforscherin Shahrazad Abu Ghazleh mit Kollegen im Fachblatt "Naturwissenschaften". Und sie waren vor den Folgen.

Der Wasserschwund droht nämlich die Umgebung zu destabilisieren: Grundwasser unter den Landstrichen am Ufer strömt in den See. Es wäscht Salz aus dem Boden und hinterlässt Hohlräume. Immer häufiger reißt der Boden auf, sodass Landstraßen verlegt, Campingplätze geschlossen und Fabrikgelände mit Beton untermauert werden mussten. Auch Brücken sind vom Einsturz bedroht.
Tiere und Pflanzen leiden ebenfalls, mahnen Umweltverbände. An den Ufern des Sees leben in Oasen seltene Arten wie der Arabische Wolf. Ihr Bestand ist gefährdet, sollte das Tote Meer weiter schwinden.

Das Gewässer schrumpft, weil den Zuflüssen zu viel Wasser entnommen wird. Wasserknappheit zwingt Israel und Jordanien dazu, einen Großteil des Jordanflusses als Trinkwasser sowie für Plantagen und Industrie abzuzweigen. Auch die Salzgewinnung im Toten Meer senkt den Pegel.

Seit 1979 um 21 Meter tiefer

In den vergangenen 30 Jahren sei der See um 21 Meter abgesunken, so die Forscher. Er liegt nun 420 Meter unter dem Meeresspiegel, der tiefsten Landstelle der Erde. In den sechziger Jahren lag er noch 30 Meter höher. Die Oberfläche ist seither um ein Viertel geschrumpft. Der See füllt einen Riss in der Erde, der durch die Bewegung des afrikanischen Kontinents hervorgerufen wird.
Um der Geschwindigkeit der Pegelabsenkung des Toten Meeres auf die Spur zu kommen, haben Shahrazad Abu Ghazleh und ihre Kollegen von der TU Darmstadt die Ufer inspiziert. Jeden Winter entstehen am Rand des Sees terrassenförmige Ablagerungen, wenn Regengüsse den Wasserverlust des Toten Meeres ausgleichen. Jede Terrasse steht für den Wasserpegel eines Winters.

Die Geoforscher haben diese "Treppenstufen" abgezählt und daraus das Ausmaß der Absenkung des Wasserspiegels bestimmt. Falle der Pegel weiter wie bisher, sei das Tote Meer in gut 300 Jahren ausgetrocknet, resümiert der Umweltwissenschafter Basel Asmar von der britischen Universität Nottingham.

Aus Sorge um das Gewässer erwägen Israel und Jordanien einen künstlichen Zufluss für das Tote Meer - der See soll mit dem Roten Meer verbunden werden. Ein Kanal oder ein Rohr soll den Plänen zufolge Meerwasser einleiten. Die 300 Kilometer lange Pipeline würde rund fünf Milliarden Euro kosten. Sie soll nicht nur der Rettung des Toten Meeres dienen, sondern zudem elektrischen Strom und Trinkwasser erzeugen. Das Gefälle zum Toten Meer verleihe dem Wasser genügend Schwung für die Energiegewinnung, meinen die Ingenieure.

Die Prüfung des Vorhabens ist jedoch noch nicht abgeschlossen. Neben der Finanzierung gibt es ökologische Probleme. Ein Baubeginn ist noch nicht geplant. Einstweilen wird sich das Tote Meer weiter absenken. Täglich um zwei Millimeter. (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Printausgabe, 19. 3. 2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der hohe Salzgehalt sorgt im Toten Meer bei Badenden für Auftrieb. Die versiegenden Zuflüsse haben diese tiefste Landstelle der Erde in den vergangenen Jahren um 21 Meter absinken lassen.

Share if you care.