Im norwegischen Herz der Finsternis

18. März 2009, 17:06
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Einen Aufbruch in die Dunkelheit, in den winterlichen Norden Norwegens, schildert die als Psychiaterin in der Schweiz lebende Autorin Melitta Breznik

Wien - Nachtdienst hieß, vor vierzehn Jahren, die erste Erzählung der Autorin Melitta Breznik. Detailgenau schilderte sie darin den Klinikalltag einer jungen Ärztin und die inneren Widersprüche eines Machtapparats, der sich als dienend versteht.

Ärztin im Krankenhaus, genauer in der psychiatrischen Abteilung, war auch die Protagonistin von Das Umstellformat. In beiden Texten stellte die 1961 im steirischen Kapfenberg geborene Autorin der Perspektive der (Be-)Handelnden jene der Patienten entgegen: War es in "Nachtdienst" der Vater der Erzählerin, der als Alkoholiker im Krankenhaus seine letzten Tage durchlitt, recherchiert die Psychiaterin aus Das Umstellformat das Schicksal ihrer Großmutter, die von den Nationalsozialisten mit der Diagnose "Schizophrenie" in die Klinik eingewiesen wurde und dort auf ungeklärte Weise starb.

Die Frage nach der Machtausübung innerhalb der klinischen Psychiatrie, die Anmaßung eines Urteils über fremdes Leben, durchzieht das Werk der Autorin, die selbst seit Jahren als Psychiaterin in der Schweiz wirkt - wie nun auch Anna, eine der beiden Protagonistinnen ihres eben erschienenen Romans Nordlicht. 

Melitta Breznik beschreibt eine berufliche Existenz, die ebenso zu tödlich ermüdender Routine erstarrte wie die Ehe, in der die Ärztin gleichfalls nur mehr als professionelle Zuhörerin wahrgenommen wird. Gequält von der Angst, selbst an Schizophrenie zu erkranken, entschließt sich Anna nach dem Versuch eines Selbstmords und der Trennung von ihrem Mann zu einem ungewöhnlichen Aufbruch: Dem Kriegstagebuch ihres Vaters folgend, zieht sie sich zurück ins Herz der Finsternis - in eine einsam gelegene Hütte auf den norwegischen Lofoten, um sich dort, ungeschützt und ablenkungsfrei, der Lichtlosigkeit der Wintermonate und der Wucht der eigenen Angst auszusetzen.

Die Ankunft in der Weite Norwegens begleitet Melitta Breznik in "Nordlicht" mit einem unvermittelten Wechsel der Erzählperspektive: Wurde in den Zürcher Kapiteln in der dritten Person über Anna berichtet, wird sie in Norwegen zur Ich-Erzählerin. Behutsam und in den ihr eigenen, kurzen, glasklaren Sätzen erzählt Breznik von dieser allmählichen Rückkehr zum verloren geglaubten Ich. - Ein Ich, das jedoch von der Hälfte des Romans an, und hier liegt eine der Feinheiten des Buches, auch der Erzählung einer zweiten Protagonistin dient: Auf der Suche nach den Spuren ihres Vaters, eines vier Jahre lang in Norwegen stationierten Soldaten, trifft Anna auf Giske. Die Journalistin ist uneheliche Tochter eines nationalsozialistischen Besatzers, einer der in der norwegischen Nachkriegszeit verhassten "Deutschenbastarde". Der Mutter entrissen, hatte Giske den Albtraum einer Kindheit in Kinderheimen und psychiatrischen Anstalten durchlitten.

Die beiden rotblonden Frauen, das gemeinsame "Ich" der Erzählung, könnten Töchter eines Vaters sein; zwei Leben, die der Zufall der Geburt auf zwei Seiten der psychiatrischen Schranke stellte - und die sich abseits institutionalisierter Begegnung und ideologischer Verengung, in der Lichtlosigkeit des Winters, vorsichtig einander nähern - im Dunkel das Nordlicht. (Cornelia Niedermeier, DER STANDARD/Printausgabe, 19.03.2009)

Melitta Breznik: Nordlicht. Roman. 256 Seiten / 17,95 Euro, Luchterhand Verlag, 2009. Heute Abend, 20 Uhr, liest Melitta Breznik im Literaturhaus Graz aus dem Roman.

  • Erzählt von der Begegnung zweier Frauen im lichtlosen Winter Norwegens: Melitta Breznik.
    foto: robert newald

    Erzählt von der Begegnung zweier Frauen im lichtlosen Winter Norwegens: Melitta Breznik.

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