SOS-Musikland kritisiert ORF-Maßnahmenplan

18. März 2009, 13:46
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Plattform der Musikschaffenden- und Produzentenverbände: "Österreich ist europäisches Schlusslicht beim heimischen Musikanteil in öffentlich-rechtlichen Radiosendern"

Auch wenn IFPI-Präsident und Universal-Chef Hannes Eder sich anlässlich der Pressekonferenz der Initiative SOS-Musikland heute, Mittwoch, einige witzige Filmtitel zur Bezeichnung der Situation des heimischen Musikmarkts überlegt hat - so etwa "The Return of the Living Dead" oder "Hunde, wollt ihr ewig leben" -, "die Grundlage zum herzhaften Lachen ist uns trotz unseres Optimismus' abhandengekommen". "Unverständnis. Ungeduld. Unmut", so der Titel des Pressegesprächs, haben sich angesichts der unterbrochenen Verhandlungen mit dem ORF über eine freiwillige Vereinbarung zur Anhebung des Anteils heimischer Musik in den ORF-Radioprogrammen breitgemacht. Im ORF weist man die Kritik am Sender zurück.

Seit der parlamentarischen Enquete im Juni des Vorjahres zur Lage der Musikschaffenden in Österreich habe man verhandelt, die Grundlage bildete der derzeitige Anteil heimischer Musik im ORF, der sich auf 15,2 Prozent Urheber und 23 Prozent Interpreten beläuft, so SOS-Musikland - Freie Plattform der Musikschaffenden- und Musikproduzentenverbände Österreichs. Das Angebot zu den Gesprächen sei von Hörfunkdirektor Willy Mitsche gekommen. Wegen "stark divergierender Positionen" wurden die Verhandlungen im Februar unterbrochen.

Der jüngst vom ORF ausgesandte Maßnahmenplan, der beinhaltet, noch heuer den Anteil um fünf Prozent anzuheben, stößt bei SOS-Musikland auf wenig Gegenliebe. Diese geplante Steigerung entspreche einer Anhebung um lediglich 1,15 Prozentpunkte, was den Interpretenanteil auf 24,1 Prozent hebe. Das ergebe "ein 2/3-Lied mehr pro Tag", so Eder. "Damit verkauft die ORF-Geschäftsführung geschickt, dass sie im Grunde nichts tut", so Peter Paul Skrepek von der Kulturgewerkschaft.

Europäischer Durschnitt

Dass zum Anteil heimischer Musik auch Udo Jürgens und die Kastelruther Spatzen (Skrepek: "Obwohl sie aus Südtirol sind") gerechnet werden, verdeutliche die missliche Lage der heimischen Musikschaffenden. Der europäische Durchschnitt im Anteil heimischer Kompositionen liege bei 40 Prozent, bei der BBC gar bei 50, in Kroatien bei 56 Prozent, so Skrepek. Österreich sei europäisches Schlusslicht, weltweit liege man an drittletzter Stelle vor Venezuela und Neuseeland ("Nicht gerade Länder, die sich gerne als Musikland präsentieren", so Eder).

Im ORF weist man die Kritik am Sender zurück. Kommunikationschef Pius Strobl verweist auf die "freiwillige Selbstverpflichtung des ORF, den Anteil an österreichischer Musik zu erhöhen. Wir werten das als positives Signal und Zeichen dafür, dass wir die Anliegen der Musikindustrie ernst nehmen", so Strobl. Bei allem Verständnis für die Situation der Musikindustrie gelte es im ORF auch programmliche Überlegungen mitzutreffen. "Das braucht seine Zeit und bedarf verschiedener Positionierungsüberlegungen." Strobl mahnt auch die Verantwortung der Privatradios ein und betont: "Wir würden uns wünschen, wenn auch die privaten Mitbewerber im Sinne dieses wichtigen kulturellen Anliegens des Landes mitmachen und den österreichischen Musikanteil steigern würden."

Laut den Vertretern der Musikschaffenden sei der ORF nicht bereit, über eine gestaffelte Erhöhung bei den einzelnen Sendern zu verhandeln. Als Maßnahme forderten sie daher eine gesetzliche Präzisierung des Kulturauftrags im ORF vonseiten der Bundesregierung. Auch in Bezug auf die Klärung der Frage, "inwieweit Formatradio und öffentlich rechtlicher Sender zusammenpassen, erwarten wir uns eine gesetzliche Antwort", so Skrepek. Es sei "nicht mehr fünf vor zwölf, sondern zwei vor zwölf", meinte Hannes Eder, "derzeit quersubventioniert Christina Stürmer die gesamte Szene".

"Charta der österreichischen Musik"

Stephan Dorfmeister (VTMÖ - Verband unabhängiger Tonträgerunternehmen, Musikverlage und Musikproduzenten Österreich) beleuchtete die Reduktion der Wertschöpfung um 25 Prozent in den vergangenen zehn Jahren. Kaum ein Musikschaffender könne mehr überleben. Insgesamt seien in den vergangenen zehn Jahren 15 bis 20 Millionen Euro Wertschöpfung für die heimischen Musikschaffenden verloren gegangen. Ohne "wesentliche Gegenmaßnahmen" - etwa ein Musik-Standortsicherungsgesetz - sei damit zu rechnen, dass der Produzentenmarkt in Österreich in fünf Jahren um 75 Prozent geschrumpft sein werde "und in Folge 30 Millionen Euro an lokaler Wertschöpfung fehlen". Genauso wie der heimischen Filmszene nach ihrem "Tod" in den 70er Jahren auf die Beine geholfen wurde, erwarte man sich das nun für den Musikmarkt, der "vor dem Ende steht".

Nach Schweizer Vorbild hat die Initiative SOS-Musikland nun auch eine "Charta der österreichischen Musik" erstellt. Dieses Papier, das heute dem ORF übermittelt werden soll, fordert ein Bekenntnis des ORF, den Anteil von Musik aus Österreich "in allen seinen Radioprogrammen substanziell zu steigern". Weiters soll der ORF innerhalb von drei Jahren den Anteil auf 40 Prozent (innerhalb einer Kernzeit von 6.00 bis 22.00 Uhr) erhöhen. Gefordert wird auch ein "verbindlicher Neuheitenanteil" von 50 Prozent der gesendeten österreichischen Musiktitel. Weitere Forderungen umfassen thematische Programmschwerpunkte, Off-Air-Unterstützung (zu denen sich der ORF kürzlich bekannt hat) sowie (das ebenfalls kürzlich vom ORF vorgeschlagene) paritätisch besetzte Dialoggremium.

Die Initiative SOS-Musikland verweist unterdessen auf mehr als 10.000 Unterstützungsunterschriften für sos-musikland.at. (APA)

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