"Symbol der Vormundschaft des Mannes"

18. März 2009, 13:03
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Terres des Femmes kritisiert Human Rights Watch-Bericht über doppelte Diskriminierung von muslimischen Lehrerinnen: Keine Frauen befragt, die sich gegen Kopftuch entschieden hätten

In ihrem Bericht "Diskriminierung im Namen der Neutralität" kommt die international tätige Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zum Schluss, dass muslimische Lehrerinnen durch "Kopftuchverbote" in einigen deutschen Bundesländern diskriminiert werden (dieStandard.at berichtete). Die Gesetze "zwingen Kopftuch tragende Frauen, sich entweder für ihren Beruf oder für ihren Glauben zu entscheiden", so Human Rights Watch.

Kopftuchverweigererinnen ausgespart

Die Frauenrechtsorganisation Terres des Femmes wendet sich nun gegen diese "einseitige Ausrichtung" des HRW-Berichts: So wären dafür nur Kopftuch tragende Musliminnen befragt worden, jedoch keine, die sich gegen das Kopftuch entschieden hätten. Unberücksichtigt seien auch Frauen geblieben, die ein Kopftuchverbot begrüßten oder solche, die von ihren Familien zum Kopftuchtragen gezwungen würden.

Nicht vereinbar mit Toleranz und Gleichberechtigung

Terres des Femmes betont in diesem Zusammenhang, "dass das Kopftuch den Grundsätzen von Gleichberechtigung und Emanzipation von Frauen diametral entgegensteht": "Wir wissen, dass das Kopftuch auch aus religiöser Motivation getragen wird. Es ist aber ebenso das Symbol der Vormundschaft des Mannes über die Frau", so Geschäftsführerin Christa Stolle.

Das Kopftuch transportiere laut Terres des Femmes ein Menschenbild, das im Widerspruch zu freiheitlichem Denken stehe und nicht mit Werten wie Toleranz, Respekt und Gleichberechtigung vereinbar sei. So geht die Frauenrechtsorganisation davon aus, dass viele junge Frauen das Kopftuch aufgrund immensen sozialen Drucks tragen und befürchtet, dass eine Rücknahme der "Kopftuchverbote" die Integration und Emanzipation muslimischer Frauen behindern würde: "Allein 2008 erhielten wir 197 Hilferufe von Mädchen und Frauen, die von Zwangsheirat oder Gewalt im Namen der so genannten Ehre bedroht oder betroffen waren", untertreicht Stolle die Erfahrungen der Hilfsorganisation. Dies bedeute gegenüber dem Vorjahr einen Anstieg um fast 15 Prozent.

Kein Kopftuch im Staatsdienst und bei Kindern

Die Forderungen von Terres des Femmes zielen daher auf eine Aufrechterhaltung eines Kopftuchverbots im Staatsdienst in Ausübung eines Amtes, eine Besetzung öffentlicher Ämter mit Kopftuch tragenden Frauen widerspreche dem Neutralitätsgebot des Staates: "Neben einer positiven gibt es auch eine negative Religionsfreiheit."

Zudem spricht sich Terres des Femmes auch für ein Verbot des Kinderkopftuchs aus, das zunehmend in Kindergärten und Schulen getragen werde. (red)

Links

Human Rights Watch: Diskriminierung im Namen der Neutralität

Terres des Femmes - Gemeinnützige Menschenrechtsorganisation für Frauen und Mädchen mit Schwerpunktthemen Häusliche Gewalt, Zwangsheirat und Ehrverbrechen, weibliche Genitalverstümmelung, Frauenhandel und Zwangsprostitution

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    In der deutschen Rechtsprechung wie im Stuttgarter Fall einer Grund- und Hauptschullehrerin, die vor einem Jahr mit ihrer Klage gegen das Verbot, im Unterricht ein Kopftuch tragen zu dürfen, gescheitert ist, sieht Human Rights Watch eine doppelte Diskriminierung von Musliminnen.

    Terres des Femmes dagegen spricht sich gegen eine Lockerung der Gesetze aus: Das Kopftuch transportiere ein Menschenbild, "das im Widerspruch zu freiheitlichem Denken stehe und nicht mit Werten wie Toleranz, Respekt und Gleichberechtigung" vereinbar sei.

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