Grüne für regelmäßige externe Evaluierung von Lehrern und Schulen

18. März 2009, 12:59
419 Postings

Bildungssprecher Walser: In letzter Konsequenz sollen beratungsresistente Lehrer auch gekündigt werden können

Gemeinsame Schule, Ganztagsschule, die Abschaffung des Sitzenbleibens und der Noten in der Volksschule - Das neue Grüne Bildungsprogramm bietet einige bekannte Forderungen. Aber auch radikale neue Ideen sind dabei. So sollen alle Pädagogen gleich entlohnt werden, was laut grünen Schätzungen rund 600 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich kosten würde. Außerdem fordern die Grünen externe Evaluierungen von Schulen und Lehrkräften. Konstantes Versagen soll auch Konsequenzen haben: Wer nicht für den Lehrberuf geeignet ist und "lernresistent" bleibt, soll gehen müssen.

Mit derStandard.at sprach der grüne Bildungssprecher Harald Walser anlässlich der Programmpräsentation über seine Ideen. Die Fragen stellte Anita Zielina.

***

derStandard.at: "Mut und Verstand, Verstand und Moral" - Das ist der Titel des neuen grünen Bildungsprogrammes. Klingt ein bisschen wie eine päpstliche Enzyklika. Was hat die Moral in der Bildung verloren?

Walser: Das erste ist eine Anspielung auf Kants Aussagen zur Bedeutung der Bildung. Das zweite ist der Versuch, in einem Wort zusammenzufassen, dass die Gesellschaft für unsere Kinder Verantwortung übernehmen muss, dass Bildung auch eine Frage der Werte ist.

derStandard.at: Überhaupt geht es sehr viel um Werte, die abstrakte Bedeutung von Bildung in Ihrem Programm - ist das nicht ein sehr idealistischer Zugang?

Walser: Es ist, glaube ich, kein sehr idealistisches Programm geworden, sondern eines, das durchaus umsetzbar ist. Natürlich haben wir eine Wunschvorstellung, wo wir hinwollen, die sicher nicht morgen erreicht sein wird. Aber es ist nichts drinnen, was utopisch ist. Etwa die geforderte Abschaffung der Noten in der Volksschule: Das könnte man jederzeit umsetzen.

derStandard.at: Das bedeutet ja auch keinen finanziellen Mehraufwand. Aber viele der Forderungen - Gesamtschule, Ganztagsschule, Evaluierungen - sind mit großen Geldmengen verbunden. Alleine die von Ihnen geforderte finanzielle Gleichstellung aller Pädagogen würde 600 Millionen im Jahr kosten. Wo sollen die herkommen?

Walser: Innerhalb des Systems der Schulverwaltung gibt es enormes Einsparungspotenzial. Österreich ist überbürokratisiert. Wir haben in einzelnen Bereichen sogar Vierfachstrukturen, wie bereits der Rechnungshof bemängelt hat - weg damit! Die Verantwortung dorthin verschieben, wo sie hingehört, nämlich an die Schulen selbst. Aber: Zur Kontrolle gehört externe Evaluation her. Wenn man erreichen will, dass an allen Schulen vergleichbare Ergebnisse erreicht werden, muss man eine externe Evaluation einführen.

derStandard.at: Was hätten Sie als Lehrer und Schuldirektor gesagt, wenn jemand von außen gekommen wäre und Ihnen gesagt hätte: Sie machen das nicht gut, sie müssen das ändern? Ist das nicht ein starker Eingriff in die Autonomie der Lehrer?

Walser: Also wenn das jemand so als Werturteil formuliert hätt, wie Sie es eben formuliert haben, hätte ich sicher ein Problem damit gehabt. Aber wenn ich jemandem sage: Die Ergebnisse der SchülerInnen an dieser Schule sind in einem bestimmten Bereich schlecht, dann kann ich gemeinsam darüber nachdenken, wie man das ändern kann. Das muss ja nicht heißen, dass Lehrkräfte schlecht unterrichten, aber es kann eben auch an der Qualität des Unterrichts liegen.

derStandard.at: Evaluierung ohne die Möglichkeit von Konsequenzen ist sinnlos - was könnte passieren, wenn sich Lehrer oder Schulen konsequent weigern, sich zu verbessern? Oder wenn sich einfach herausstellt: Die können es nicht besser?

Walser: Wenn ich für einen Beruf nicht geeignet bin, kann ich ihn eben nicht ausüben.

derStandard.at: Also eine Kündbarkeit der betreffenden Lehrer?

Walser: Ja, in letzter Konsequenz. Vorher sollte allerdings die Chance stehen, sich zu qualifizieren.

derStandard.at: Nochmal zur der Frage einer externen Evaluierung - Droht keine Zentralisierung? Sitzt dann nicht irgendwer in einem Ministerium und entscheidet von außen über etwas, wovon er vielleicht gar keine Ahnung hat?

Walser: Ich stelle mir unter den Evaluierungsgruppen nicht vor, dass das vom Ministerium ausgeht. Hier sollen Experten in die Schulen gehen, um diese zu beobachten. Der Bericht, den diese Gruppe erstellt, geht meinetwegen auch ans Ministerium, aber vor allem an die betroffene Schule. Dann kann man überlegen, was man besser machen kann.

derStandard.at: Könnten auch Noten zentral vergeben werden?

Walser: Mein Traumbild von Schule ist, dass die Lehrkraft zum Coach, zum Verbündeten der Schüler wird und nicht zum Richter über schulisches Weiterkommen. Dann sitzen alle im selben Boot.

derStandard.at: Das ginge aber nur, wenn die Lehrer nur mehr fürs Lehren, aber nicht mehr für die Notenvergabe zuständig wären?

Walser: Richtig. Aber das ist jetzt schon ein bisschen utopisch, aber von der Tendenz her hätte ich gerne, dass wir das Schulsystem dahingehend umbauen.

derStandard.at: Wenn ich mir viele grüne Forderungen ansehe - Ganztagsschule, Gesamtschule, Kindergarten aufwerten, Sitzenbleiben abschaffen: Sie müssten ja mit der SPÖ ihre reine Freude haben? Da liegen Sie ja voll auf einer Linie?

Walser: Ganz so groß ist diese Freude nicht, denn die Reformansätze sehe ich nicht. Ich attestiere Claudia Schmied, dass sie versteht, wohin sich dieses System bewegen sollte, das stimmt. Aber von Bewegung sehe ich wenig. Was ich höre - aus der SPÖ und auch von Seiten der Gewerkschaft - ist Bremsen, Bremsen, Bremsen. Das kann es ja nicht sein.

derStandard.at: Wenn wir schon beim Thema Bremsen sind - Lehrergewerkschafter Riegler hat zuletzt gemeint, wenn man schon sparen muss, wieso dann nicht an der Ganztagsbetreuung. Ihre Meinung dazu?

Walser: Das ist eine absolute pädagogische Bankrotterklärung. Wenn ich in Zeiten wie diesen die dringendste Reformnotwendigkeit nicht weiterverfolge, ja sogar zurücknehmen will, dann hab ich jeden Gestaltungsanspruch im Bildungsbereich aufgegeben. (Anita Zielina, derStandard.at, 18.3.2009)

Zur Person

Harald Walser ist Bildungssprecher und Nationalratsabgeordneter der Grünen. Er war vorher als Lehrer und Schuldirektor am Gymnasium Feldkirch tätig.

  • Schlechte Evaluierungsergebnisse sollen auch Konsequenzen haben: "Wenn ich für einen Beruf nicht geeignet bin, kann ich ihn eben nicht ausüben".
    foto: gossow

    Schlechte Evaluierungsergebnisse sollen auch Konsequenzen haben: "Wenn ich für einen Beruf nicht geeignet bin, kann ich ihn eben nicht ausüben".

Share if you care.