"Und alles erscheint plötzlich so kostbar"

18. März 2009, 11:28
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"Eine von 8" begleitet zwei Frauen durch ihre Krankheit

Zwei Frauen sitzen in lederbezogenen Lehnstühlen nebeneinander und unterhalten sich über Tätowierungen. Wenn sie "das hier" hinter sich habe, werde sie sich einen Lidstrich tätowieren lassen, meint die eine. Nein, so nah am Auge hätte sie davor Angst, erzählt die andere. Doch dann macht sie mit einem spitzbübischen Lächeln ihre linke Schulter frei und lässt ein kunstvolles Tattoo erkennen. Solche wolle sie schon noch zwei oder drei haben. "Aber ist das nicht krebserregend?", fragt die Erste, bei der, wie auch bei der Sitznachbarin, ein Schlauch in der Armbeuge verschwindet. Die andere lacht.

Die beiden Frauen sind die gebürtige Deutsche Frederike von Stechow, seit Jahren fixes Ensemblemitglied im Grazer Schauspielhaus, und die gebürtige Serbin und Wahlsteirerin Marijana Gavric, die sich in Graz ihren Kindheitstraum erfüllte und Straßenbahnfahrerin aus Leidenschaft wurde. Die beiden haben sich bei der Chemotherapie kennengelernt, bei beiden Frauen wurde Brustkrebs diagnostiziert. Beide bestanden darauf, dass etwas nicht in Ordnung sei, als sie von Ärzten erst mal nach Hause geschickt wurden, weil man ihnen nicht glaubte.

Stechow, die wie Gavric ein Kind hat, war wie wohl jede Frau in dieser Situation geschockt, als sie die Diagnose erfuhr: "Du wirst plötzlich aus deinem Leben gerissen, und alles erscheint plötzlich so kostbar. Ich hatte das Gefühl, neben mir zu stehen, in einem Film zu sein", erzählt die Schauspielerin dem Standard . Und dann entschloss sie sich, genau das aus der Situation zu machen: einen Film.

Stechow nahm 90 bis 100 Stunden ihres Alltags auf: Von nächtlichen, schlaflosen Rundgängen in der Wohnung bis zum Geschminktwerden in der Garderobe des Schauspielhauses, wo ihr das Weiterspielen Kraft gab. Auch eine Chemotherapie, wie eingangs beschrieben, wollte Stechow zeigen, "weil alle reden von Chemo, aber niemand weiß, was da passiert".

Regisseurin Sabine Derflinger lichtete das Material, drehte zusätzliche Szenen und machte den berührenden, realistischen Film Eine von 8 daraus, der keine Angst vor der tabuisierten Krankheit Brustkrebs macht, aber auch nichts beschönigt. So erleiden beide Frauen etwa immer wieder Rückschläge oder fühlen sich nicht gut genug informiert, bevor sie große Entscheidungen treffen müssen.

Mit dem Film wollte Stechow allen Frauen, die an Krebs erkranken, Mut machen. Dabei zeigt sie auch sehr persönliche Szenen, überschreitet aber nie Intimitätsgrenzen. Die Chemo und die Operationen wurden Teil des Drehs: "Ich bin in die Klinik gegangen mit dem Gefühl, ich gehe arbeiten, das hat geholfen", so Stechow. Sie wünschte sich, wieder gesund zu sein, wenn der Film erstmals aufgeführt wird. Der Wunsch ging in Erfüllung. (Colette M. Schmidt, SPEZIAL - DER STANDARD/Printausgabe, März 2009)

18. 3., UCI Annenhof, 20.30; 19. 3., 17.00

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