Selbstreflexion und Subversion

18. März 2009, 11:24
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Sechs Programme präsentieren eine Geschichte des österreichischen Animationsfilms

Mit einer Frau ohne Unterleib ist am Rummelplatz viel Geld zu verdienen. Wenn sie noch singen, lachen und weinen kann, ist sie für einen Schaubudenbesitzer sogar unersetzlich. In einen Frack gezwängt und mit Zylinder auf der Glatze, fungiert er gleich als doppelte Karikatur: als Prototyp des geldgierigen Schaustellers und als Figur namens Plum im Trickfilm Amaranta. Aus den Memoiren des berühmten Harry Packs (1921).

Die animierte, rund 20-minütige Geschichte aus der Feder des Wiener Karikaturisten und Illustrators Ladislaus Tuszynski ist mehr als ein repräsentatives (und unverhohlen rassistisches) Zeitstück, wenn in der Folge der schwarze Diener Plums mit Banjo und abstehenden Ohren sich in den weißen sprechenden Lockenkopf verliebt und diesen entführt: Die Harry Packs-Serie, fürs zeitgenössische Publikum als Satire auf die Detektivgeschichten des berühmten Harry Piel erkennbar, thematisiert wiederholt ihre eigenen tricktechnischen Möglichkeiten. Da setzen sich nicht nur die Figuren tollkühn über auch am Rummelplatz geltende physikalische Gesetze hinweg.

Amaranta ist ein Stück österreichischer Trickfilmgeschichte, das den in ihrer Frühzeit tabuisierten Umgang mit Sexualität, Körperlichkeit und Erotik veranschaulicht. In der "Erotoskopie", eines von insgesamt sechs Programmen zur Geschichte des österreichischen Animationsfilms, findet sich die körperlose Amaranta neben einem durchaus ansprechenden Sammelsurium wieder.

"Animation in Österreich ist ein Terrain künstlerischer Aktivität mannigfaltiger Erscheinungsformen", formuliert der Filmemacher und Co-Kurator der Filmschau, Thomas Renoldner, in seinem einleitenden Programmaufsatz. Das mag etwas sperrig klingen, entspricht aber dem zusammengestellten Programm, das Arbeiten aus knapp hundert Jahren und nach Themen geordnet beinhaltet.

Der Vorteil des Konzepts ist, dass man hier keine vorgefertigte Geschichte des Animationsfilms vorgesetzt bekommt, sondern die ausgewählten Filme über ihre Absicht und ihren spezifischen Zugang zueinander in Beziehung treten. So unterschiedlich die Annäherungen, Praktiken und selbstverständlich technischen Möglichkeiten auch sein mögen, bilden sich doch immer wieder zwei Gemeinsamkeiten heraus: Selbstreflexion und Subversion.

So wird im vortrefflichen Programm "Schöpfungsgeschichten" ersichtlich, welcher Art das Eingreifen des Filmemachers sein kann - oder verlangt wird: Während in der Schöpfungsgeschichte (um 1920) Gott mit bester Aus- und eindeutiger Absicht Adam und Eva beim Liebesspiel beobachtet, verdeckt im Wiener Bilderbogen Nr. 1 (1926) die Hand des Filmemachers die intimen Stellen seiner Protagonistin. Schamlos werden höchstens die Stärken des Mediums ausgenützt.

Dass der österreichische Animationsfilm im Gegensatz zu manchen Ländern Osteuropas - man denke an die legendären Trickfilmstudios der Defa - nie zu einer funktionierenden Industrie gelangen konnte, hat verschiedene Ursachen. Dass eine sehr wohl existierende Tradition in Zukunft verstärkt wahrgenommen wird, sollte hingegen nicht das einzige Verdienst dieser Schau bleiben. (Michael Pekler, SPEZIAL - DER STANDARD/Printausgabe, März 2009)

  • Ein Voyeur an höchster Stelle: "Schöpfungsgeschichte", eine Pioniertat des heimischen Trickfilms.
    foto: filmarchiv

    Ein Voyeur an höchster Stelle: "Schöpfungsgeschichte", eine Pioniertat des heimischen Trickfilms.

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