Dem Volk aufs Maul geschaut

18. März 2009, 15:54
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Kein Ivanschitz, kein Stranzl. Teamchef Constantini gab sein Aufgebot für das Rumänien-Spiel bekannt. Pehlivan, Beichler und Dragovic erstmals dabei

Wien - Dietmar Constantini sagt, "dass man nicht auf die Leute hören soll". Der Teamchef ist aber auch davon überzeugt, "dass die Leute oft ein gutes Gespür haben". Hätte sich eines dieser zwischen Wahlsonntagen eher unterbeschäftigten Meinungsforschungsinstitute die Hetz gemacht, das dem Fußball nicht abgeneigte Volk über die Fähigkeiten von Martin Stranzl (28) und von Kapitän Andreas Ivanschitz (25) zu befragen, frage nicht, was dabei rausgekommen wäre. Eine deutliche Neunzehntel-Mehrheit hätte auf die beiden im Nationalteam liebend gerne verzichtet. Sollen sich in den Schnee schmeißen, brauchen wir nicht, reden gescheit, spielen blöd.

Constantini hat am Mittwoch seinen ersten Kader nominiert. Jenen für das am 1. April in Klagenfurt stattfindende WM-Qualifikationsspiel gegen Rumänien. Ivanschitz und Stranzl gehören ihm nicht an, auch René Aufhauser fehlt, aber das war erstens eine "knappe Entscheidung" und ist zweitens keine Sensation, kein Knalleffekt, auch keine Revolution.
Roland Linz (Grasshoppers Zürich) fehlt ebenfalls, er sei jetzt kein Thema. Feuerwehrmann Constantini einen prächtigen Orden wegen "außerordentlicher Verdienste um den österreichischen Fußball" umzuhängen, wäre freilich eine Übertreibung. Der Mann genießt momentan den Luxus, mutig sein zu dürfen, weil eh alles egal ist. Constantini hat mindestens so populistisch wie richtig gehandelt. Und er hat, welch ein Zufall, dem Volk aufs Maul geschaut.

Bei Stranzl war es klar, der Verteidiger versauert auf der Bank von Spartak Moskau. Er hat seit fünf Monaten kein ernstzunehmendes Match bestritten, das 0:2 des Teams gegen Schweden gilt nicht. Constantini erzählte von einem "guten" Telefongespräch. Stranzl bestätigte das "gute" Telefongespräch: "Ich bin lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass es im Fußball sehr schnell gehen kann."

Ivanschitz, der bei Panathinaikos das Schicksal von Stranzl teilt (nicht ganz so schlimm, aber doch auch heftig), wurde von Constantini erst am Mittwochvormittag kontaktiert. "Ich möchte Ivanschitz aus der Schusslinie nehmen. Der gesamte Druck wurde auf ihn geladen, er hat immer herhalten müssen." Die Entscheidung gegen Ivanschitz und Stranzl hat Constantini übrigens schon bei Amtsantritt am 5. März getroffen. "Das entspricht meiner Überzeugung. Sollte es nicht laufen, ist es meine Schuld. Der Trainer hält den Kopf hin. Aber ich gehe davon aus, dass wir gegen Rumänien mit diesem Kader reüssieren werden. Jeder Kader ist eine Gratwanderung."

Ivanschitz wurde im Oktober 2003 von Hans Krankl zum Kapitän befördert, die Schleife ist er nun los. Wer sie am 1. April trägt, wird Constantini bis zum 1. April klären. "Es wird sich eine Hierarchie bilden." Ivanschitz reagierte professionell: " Ich hoffe, dass ich das nächste Mal wieder mit von der Partie bin."

Nicht mit von der Partie sind diesmal Tormann Alexander Manninger und György Garics, die beiden sind rechtschaffen verletzt. Constantinis Aufgebot umfasst 23 Kicker, der Altersschnitt beträgt 23,96 Jahre. Dem Volk muss natürlich auch Neues, Unverdorbenes geboten werden. Aleksandar Dragovic (Austria Wien/18), Daniel Beichler (Sturm/20) und Yasin Pehlivan (20) debütieren.

Rapid hat Pehlivan Sprechverbot erteilt, nun wird Peter Pacults Pädagogik torpediert. Im Team darf Pehlivan den Mund aufmachen. Rapid hat eine Stellungnahme des Spielers ausgeschickt. "Ich bin stolz. Meine Familie, meine Kollegen und mein Verein helfen mir, die Veränderungen in meinem Leben zu bewältigen." Constantini: "Er spielt taktisch wie ein 30-Jähriger. Der beutelt sich ab. Die Idee Pehlivan ist zu guter Letzt gereift." Ümit Korkmaz, das ist keine neue Idee, soll der Joker sein. "Es fehlt ihm die Kraft für die volle Zeit. Er kann aber in 20 Minuten ein Stadion verrückt machen." Marko Arnautovic, der in den Niederlanden Rassismusvorwürfen ausgesetzt ist, bleibt im Kader, "sofern er nicht verurteilt wird".

Am Montag startet in Velden die Vorbereitung. Die Spieler werden im Schlosshotel Doppelzimmer beziehen. Constantini: "Sie können natürlich auch in Dreibettzimmern wohnen." Das Volk applaudiert. Der Teamchef meint es ernst. (DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 19. März 2009, Christian Hackl, red)

 

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    Dietmar Constantini erläuterte, von seinen Assistenten sekundiert, seinen Premierenkader: "Gehe davon aus, dass wir gegen Rumänien reüssieren."

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