"Pflegebedürftige sind nicht immer Engerln"

17. März 2009, 20:17
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Eine Konferenz in Wien beleuchtet das Tabu-Thema Gewalt gegen alte Menschen

"Statistiken zu häuslicher Gewalt gegen ältere Menschen zeigen, dass bis zu zehn Prozent Opfer werden. Die Dunkelziffer dürfte noch weitaus höher liegen", sagt Monika Wild, Rotkreuz-Expertin für Pflege und Betreuung.

Etwa 60.000 Menschen in Österreich nehmen mobile Pflege- und Betreuungsdienste in Anspruch, rund 20.000 Personen arbeiten in diesem Bereich. Das EU-Projekt "Breaking the Taboo" des Roten Kreuzes (RK) will daher die mobilen Pfleger für häusliche Gewalt gegen ältere Menschen sensibilisieren. Die Ergebnisse gelten für Männer wie Frauen, sagt Wild. Der Anteil der Frauen ist in der Altersgruppe ab 80 Jahren jedoch viel höher. Daher müsse man auf sie besonderes Augenmerk legen.

Abschlusskonferenz

Sieben europäische Länder haben zwei Jahre lang an dem Projekt teilgenommen. Am Mittwoch findet im Wiener Rathaus die Abschlusskonferenz statt. "Pflegebedürftige sind auch nicht immer 'Engerln'", sagt Josef Hörl vom Institut für Soziologie zum Standard. Besonders Demenzkranke neigen zu widersprüchlichem Verhalten und Aggressionen. Hörl: "Der Gegensatz zwischen Täter und Opfer ist bei häuslicher Gewalt gegen ältere Menschen meist nicht so eindeutig wie bei Gewalt gegen Frauen oder Kinder. Denn die Täter sind teilweise selbst Opfer durch Überforderung." Dabei werde die körperliche Belastung oft als weniger schlimm empfunden als die psychische. "Dazu kommen Schuldgefühle, weil es Eltern oder Partner sind", sagt Hörl. Das bestätigt auch Wild: "Oft besteht eine starke emotionale Bindung zwischen Täter und Opfer." Laut Hörl sei es kein typisches Muster, dass sich misshandelte Kinder später an ihren pflegebedürftigen Eltern "rächen".

Gewalt zu erkennen und nachzuweisen ist schwierig. "Denn Misshandlung kann schon beginnen, wenn Essen zu heiß oder zu schnell gefüttert wird", sagt Wild. Häufig sind mobile Pfleger die einzigen, die regelmäßig Kontakt zu den älteren Menschen haben. "Sie sind in einer Schlüsselposition", sagt Wild. Es gehe auch darum, Risiko-Familien rechtzeitig Hilfe anzubieten. Genau dort setzt das EU-Projekt an: Bei Interviews mit mobilen Pflegern wurde festgestellt, dass sie mitunter eine Gewaltsituation nicht als solche wahrnehmen und erst im Gespräch mit Kollegen erkennen, dass etwas nicht stimmt. (Julia Schilly/DER STANDARD-Printausgabe, 18.3.2009)

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    Das EU-Projekt "Breaking the Taboo" will die mobilen Pfleger für häusliche Gewalt gegen ältere Menschen sensibilisieren.

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