Vom DJ-Mischpult an die Schalthebel der Macht

19. März 2009, 10:41
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Der neue starke Mann in Madagaskar, Andry Rajoelina, hat den Präsidenten mit seinen eigenen Waffen geschlagen

Sein Spitzname soll auf die Geschwindigkeit schließen, mit der Andry Rajoelina seine Ziele verfolgt - und auf sein überbordendes Temperament: TGV wird der erst 34-Jährige genannt, wie der französische Hochgeschwindigkeitszug. Jetzt hat er seinem Spitznamen wieder Ehre gemacht. Nach Madagaskars Verfassung müsste er eigentlich noch sechs Jahre warten, bis er alt genug ist, um sich als Präsident zur Wahl zu stellen. Zu lange für ihn. Seit Dienstag ist er der neue Mann an der Macht im ostafrikanischen Inselstaat.

Erst Ende 2007 schaffte der politisch bis dahin unbekannte Ex-DJ und Unternehmer - ihm gehören zwei Werbeagenturen und der Radio- und Fernsehsender Viva - aus dem Stand das Unfassbare: Mit einem poppigen Wahlkampf, der auf die überwiegend jungen Wähler des Landes zielte, luchste der brillante Redner mit dem jungenhaften Gesicht der Regierungspartei das sicher geglaubte Bürgermeisteramt in der Hauptstadt Antananarivo ab. Nur ein Jahr später blies er dann zum Angriff gegen Präsident Marc Ravalomanana, mit dem ihn erstaunlich viel verbindet.

Der Feind als Vorbild

Für seinen kometenhaften Aufstieg nahm sich Rajoelina niemand anderen als den verhassten Konkurrenten zum Vorbild, der nun aufgegeben hat. Auch Ravalomanana war, selbst Unternehmer, einst als Bürgermeister von Antananarivo in die Politik gestartet und hatte sich schließlich als jugendliches Gegenstück zum langjährigen Diktator Didier Ratsiraka verkauft.

Wie einst Ravalomanana wirft Rajoelina dem Amtsinhaber Korruption und die Vermischung von Politik und Geschäft vor. Doch selbst damit kennt Rajoelina sich aus: Kurz nach seinem Amtsantritt als Bürgermeister ließ Rajoelina einer konkurrierenden Werbeagentur kurzerhand alle Werbetafeln im Stadtgebiet abnehmen - angeblich wegen Formfehlern. Heute gehören die Tafeln Rajoelinas Unternehmen Injet.

Die mehr als 130 Toten, die es seit Beginn seiner Kampagne gegen die Regierung bisher gegeben haben soll, hatten Rajoelinas Kampfesmut nicht geschwächt. Für einen von den Vereinten Nationen geforderten Dialog machte er Neuwahlen zur Voraussetzung. Auch sonst gerierte sich Rajoelina mit nahezu blindwütigem Selbstbewusstsein als starker Mann im Land. Dann schließlich forderte er immer kompromissloser den Rücktritt des Präsidenten - bis hin zu dessen Verhaftung.

Stets betonte Rajoelina in seinen Reden, das alles nur für das Volk zu tun. "Der Kampf für die Demokratie ist bald geschlagen", kündigte er am Montag an.

Die potenten Unterstützer, mit denen Rajoelina sich umgibt, sind Dinosaurier aus Zeiten der marxistischen Diktatur und ein Neffe von Ex-Diktator Ratsiraka, der in Paris lebt. Ihn sehen viele Kritiker als eigentlichen Architekten von Rajoelinas Aufstieg. (men/DER STANDARD, Printausgabe, 18.3.2009)

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    Der Neue:  Andry Rajoelina.

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