Willkommen im Land der Kellerinzestnazimonster

17. März 2009, 19:32
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Schnell wegsperren und nicht mehr drüber reden. Das sei nach Ansicht vieler ausländischer - insbesondere angelsächsischer - Kommentatoren das Hauptanliegen des Verfahrens gegen Josef F. - Ein Querschnitt

"The Times" (online) kritisiert Österreich und den Aktionismus rund um den Prozess: Und das ganze Spektakel - schon wieder eine Erinnerung an die dunkle Seite des Ski-, Schnee- und 'Sound of Music'-Landes - wirft Österreich zurück. (...) Er (Josef F., Anm.) wird nicht nur als abscheuliche Person gesehen, sondern als das Antlitz Österreichs, das sie lieber vergessen würden. (...) Einen wichtigen Prozess auf wenige Tage zu verkürzen und die Presse auszusperren, mag darauf ausgelegt sein, die Privatsphäre der Opfer zu schützen. Aber die vielen Verschwörungstheoretiker vermuten, dass etwas Wichtiges still und heimlich verdeckt wird. (...) anstelle einer nationalen Debatte - darüber, wie die Österreicher weggeschaut haben, während F. seine Straftaten beging - verwandelt sich das Land in eine Art Zirkus."

Die "New York Times" (online) veröffentlicht unter dem Titel "Don't mention the 'Kellerinzestmonster" u. a. eine Einschätzung der "Kurier"-Kolumnistin Anneliese Rohrer: (...) "die Geschwindigkeit, mit der die Geschichte nach den ersten vier Wochen in den lokalen Medien abebbte", sei teilweise bedingt gewesen durch die Art, wie ausländische Medien gewöhnlich über Ereignisse in Österreich berichten. (...) angesichts dessen, dass britische Boulevardmedien oft wenig subtile Wege gefunden haben um 'den Krieg zu erwähnen', sogar bei der Berichterstattung über Fußballspiele, mögen die Österreicher Grund haben, sich bei den Berichten über den Fall F. stereotypisiert zu fühlen.

Die "Frankfurter Rundschau" vergleicht das Verfahren mit Kriegsverbrecherprozessen: Eine Einzeltat sei das gewesen, so die Richterin, nicht die Tat eines Ortes, einer Region oder gar einer ganzen Nation. Solche Worte fallen üblicherweise in Kriegsverbrecherprozessen, wenn das, was zuvor von allen als Handlung einer Gemeinschaft begriffen wurde, einem Einzelnen zugerechnet und in identifizierbare Delikte aufgelöst, entpolitisiert wird. Der Prozess von Amstetten müsste, wollte er läuternd wirken, den umgekehrten Weg gehen und in der Abgeschiedenheit des Verbrechens das schlechte Allgemeine nachweisen. Damit das nicht geschieht, muss F. zum Monster werden, das nichts Menschliches mehr an sich hat. Ein Gerichtsprozess deutet die Tat, ordnet sie ein. Dieser tut es auf fatale Weise.

"The Sun" interessiert sich für den Speiseplan des Angeklagten: Passenderweise war das letzte Mahl von F. vor seinem Erscheinen bei Gericht eine heimische Speise aus Schweinefleisch, genannt "Teufelskotelett".

Die "Bild-Zeitung" titelt "Monster F. weint vor Gericht" und schreibt: Das soll das Monster von Amstetten sein? Der Inzest-Vater, der Horror-Opa, der Sex-Protz Josef F.? Da sitzt ein schwächlich wirkender Mann. Das graue Haar ist schütter, ordentlich nach hinten gekämmt, die faltige Haut fahl, in seinem grauen, zwei Nummern zu großen Anzug scheint er zu versinken. (...) Die Stimme ist etwas hoch, aber fest. Sie passt so gar nicht zu einem selbstherrlichen Tyrannen.

"The Guardian" (online) kritisiert das Auftreten von Josef F. vor Gericht: Diejenigen, die sein schnurrbärtiges Gesicht sehen konnten, sagten, er habe hinter dem Ordner gelächelt.

"The Mirror" verurteilt dies ebenfalls: Das Biest betrat das Gericht begleitet von Polizisten und einem Kamerateam. Wie ein Feigling, der sich nicht den furchtbaren Verbrechen, die er beging, stellen wollte, versteckte er sein Gesicht beschämt hinter einem blauen Ordner. Anstatt sich mit den schlimmsten Fällen von Inzest, die je gemeldet wurden, zu konfrontieren, starrte er geradeaus - als hätte diese entsetzliche Liste gar nichts mit ihm zu tun.

Die "Stuttgarter Nachrichten" problematisieren den Ausschluss der Öffentlichkeit, denn: Hinter der allgemeinen Abscheu gegen Voyeure und sensationsgeile Reporter, selbst hinter dem Wunsch nach Diskretion für die Opfer verbergen sich nicht nur edle Absichten. Das Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das sich in der niederösterreichischen Kleinstadt ereignet hat, geht die Menschheit etwas an. Es ist kein "niederer Instinkt", der Menschen nach solchen Taten bewegt. Wir wollen und sollten wissen, wie das passieren konnte. Wie wird ein Vater so? Wie erkennt man solche Täter? Auch unser psychologisches Interesse verdient es nicht, als Voyeurismus abgetan zu werden. (APA/red)

Die "Daily Mail" (online) sieht das ähnlich: Der Ausschluss bedeutet, dass über die Rolle von Sozialarbeitern, der Polizei und anderen Beamten, die E. jahrelang im Stich gelassen haben, nie wieder berichtet wird, weil diese ihre Aussagen nun im Geheimen machen können. (DER STANDARD-Printausgabe, 18.3.2009)

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    Das "Antlitz Österreichs, das sie lieber vergessen würden"? - Josef F.'s "Schutzschild" wird zur Projektionsfläche für mediale Assoziationen zum angeblich "Austro-Typischen".

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