Aufbruch zum Roten Planeten

17. März 2009, 19:28
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In dreißig bis vierzig Jahren kann der erste Mensch auf dem Mars landen: eine Mission, die zwei Jahre dauern wird - Schon Ende März testen vier Kandidaten, wie es ihnen mit der Isolation geht

Charles Duke war 1972 der zehnte von insgesamt zwölf Astronauten, die die Mondoberfläche betraten. Während der Apollo-16-Mission hielt er sich insgesamt 70 Stunden auf dem Erdtrabanten auf. Wieder zurückgekehrt verlor er allerdings wirklich die Bodenhaftung und schlitterte in eine psychische Krise, die ihn und seine Familie auf eine harte Belastungsprobe stellte.

Für Rupert Gerzer, Leiter des Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin in Köln, sind derartige Berichte nicht überraschend. Die ersten amerikanischen Raumfahrer seien vom Militär gekommen, und "die hatten eben den Ruf der unverwundbaren Helden", weshalb sich die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa in den Anfängen wenig Sorgen über "psychische Langzeitstabilität" gemacht habe. Ganz im Gegensatz zur europäischen Weltraumbehörde ESA und zu ihrem russischen Pendant, Roskosmos, wo die Psyche der Astronauten immer ein Thema gewesen sei.

In Vorbereitung auf eine eventuell in dreißig bis vierzig Jahren mögliche bemannte Mission zum Mars will man diese Erfahrungen nun vertiefen und die Auswirkungen der Isolationen auf Körper und Geist testen. Wie reagiert das Immunsystem? Wie stressresistent ist der Mensch in Abgeschiedenheit? Am 31. März startet eine 105-tägige, simulierte Mission in einer Isolationsstation in Moskau, die Antworten finden soll. Für das Experiment wurden sechs Kandidaten, vier aus Russland und je einer aus Frankreich und Deutschland  ausgewählt.

Später folgt eine 520 Tage dauernde Isolation mit einem anderen Team. So lange dürfte auch eine reale Mars-Expedition dauern: Sechs Monate müsste man für den Hinflug einplanen, sechs für den Rückflug. Der Aufenthalt selbst würde fast ein Jahr in Anspruch nehmen.

Die Astronauten müssten nämlich auf eine günstige Stellung von Mars und Erde zueinander warten. In diesem Zeitfenster befindet sich die Sonne nicht zwischen den Planeten, aufgrund ihrer Eruptionen ohnehin die größte Gefahr für die Gesundheit der Astronauten. Abgesehen von den Wetterbedingungen auf dem Mars selbst, wo schon Staubstürme mit einer Windgeschwindigkeit von 650 Kilometern in der Stunde gemessen wurden. Die lange Zeit in Schwerelosigkeit sollte dagegen ein vergleichsweise leicht lösbares Problem sein. Eine "Kurzarmzentrifuge", die in Köln vor einem Jahr in Betrieb genommen wurde, könnte den zu erwartenden Muskel- und Knochenschwund verhindern. 45 Umdrehungen in der Minute schafft die Maschine und verhilft den Astronauten zum sechsfachen Körpergewicht - das im All ansonsten eher das einer Feder ist.

Gerzer glaubt aber, dass auch nach den Tests noch viele Fragen offenbleiben: Wie reagieren selbst psychisch ausgeglichene Missionsteilnehmer, wenn die Erde von der Marsoberfläche aus nicht sichtbar ist? Was passiert bei Krankheit und Todesfällen? Wie gehen Männer und Frauen miteinander um? "Sex ist jedenfalls ein Tabu. Das würde die Mission gefährden."

Autonome Astronauten

Die Astronauten müssten relativ autonom agieren. Funksprüche von der Erde kommen auf dem Mars mit Verspätung an. Immerhin beträgt die Lichtlaufzeit zwischen den beiden Planeten 22 Minuten.

Hier setzt auch das Projekt Pol- Ares-Auda von der Universität Innsbruck an. Mit finanzieller Unterstützung des Infrastrukturministeriums und des Tiroler Wissenschaftsfonds wird der Prototyp eines für eine Marsmission adäquaten Raumfahreranzugs gebaut. Projektleiter Gernot Grömer weiß, dass herkömmliche Anzüge 120 Kilogramm schwer sind. "Das ist für die zu erwartenden längeren Außeneinsätze viel zu schwer." In Innsbruck wird ein vergleichsweise leichtes Modell entwickelt, das 45 Kilogramm wiegt. Testlauf: eine für 2010/2011 geplante Arktis-Expedition.

Die Anzüge, sowohl in der Wüste als auch in der Kälte einsetzbar, werden mit Prozessoren und Kameras ausgestattet. So können Daten über die Umweltbedingungen bei den Experimenten aufgenommen und die Astronauten gefilmt werden. Die Bildkommunikation mit der Erde und mit anderen, nicht in Sichtweite arbeitenden Missionsteilnehmern würde dadurch erleichtert werden, sagt Grömer. Er ist überzeugt, die beste Ausstattung für die Marsreise und die Astronauten liefern zu können, damit diese das Ziel der Expedition erreichen. Die Antwort auf die Frage: Gibt es Spuren von Leben auf dem Wüstenplaneten? "Wir erwarten keine grünen Männchen, sondern primitive Einzeller."

Bis es so weit ist, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Vor allem finanzielle Gründe werden immer wieder ins Treffen geführt. Mit 100 Milliarden Euro für die erste Mission müsse man rechnen, sagt Grömer. Er meint aber, dass das Abenteuer Mars jedem Europäer nur einen Big Mac und ein Cola kosten würde. "Eigentlich erschwinglich." Der Start des Projekts sei aus seiner Sicht also nur eine Frage des politischen Willens. Die Welt brauche wieder einen John F. Kennedy. Er verkündete ja bekanntlich in seiner Amtszeit, die Reise zum Mond ermöglichen zu wollen. (Peter Illetschko/STANDARD,Printausgabe, 18.3.2009)

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    Ein Astronaut und ein Rover auf dem Mars: eine Vorstellung von dem, was einmal sein könnte, entworfen von der Europäischen Weltraumbehörde.

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