Hilfe für britischen Auto­sektor rollt nur langsam an

17. März 2009, 18:40
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Die Autoindustrie beklagt mangelnde Unterstützung durch die Regierung. Unternehmen drohen mit Massenentlassungen und möglichen Konkursen

London - Massenentlassungen und Kurzarbeit in der Autoindustrie erhöhen den Druck auf die britische Regierung, dem schlingernden Sektor unter die Arme zu greifen. Das im Jänner von Wirtschaftsminister Peter Mandelson verkündete Hilfspaket von 2,7 Mrd. Pfund (2,9 Mrd. Euro) kommt wegen anhaltender Streitereien zwischen Mandelsons Haus, dem Finanzministerium, und der Zentralbank nicht bei den Unternehmen an. Der Kleinlaster-Hersteller LDV steht kurz vor dem Konkurs. "Die Situation erfordert dringliches Handeln, aber die Regierung hat keine Eile", klagt der Hersteller-Verband SMMT.

Anfang des Jahres beschäftigte der Sektor in Herstellung und Vertrieb rund 800.000 Menschen. Seither brach der Absatz auf der Insel um 58 Prozent ein.

Gehälter und Jobs gekürzt 

Allerorten verschwinden Arbeitsplätze, werden Gehälter gekürzt und Arbeitsstunden gekappt. Aston Martin hat ein Drittel seiner Belegschaft entlassen, bei Nissan mussten 1200 Leute gehen, bei BMW/Mini rund 1100.

Bentley schloss mit 230 Arbeitern Auflösungsverträge, die verbliebenen rund 3500 Mitarbeiter erhalten zehn Prozent weniger Lohn. Auch die 4500 Beschäftigten in den beiden Toyota-Werken müssen auf zehn Prozent ihres Lohns verzichten. Bei Jaguar Land Rover (JLR), der vor einem Jahr vom indischen Mischkonzern Tata übernommen wurde, wird die Vier- Tagewoche eingeführt.

Das als besonders innovativ geltende Unternehmen erhielt kürzlich 27 Mio. Pfund zur Entwicklung des leichteren, schadstoffärmeren Jaguar LRX. Allen anderen Anfragen nach direkten Subventionen verweigert sich Wirtschaftsminister Mandelson konsequent. Im Fall LDV überlässt der frühere EU-Kommissar das Nein-Sagen seinen Staatssekretären, um den Anschein eines Interessenkonflikts zu vermeiden: Das Unternehmen gehört bisher noch zum Imperium des russischen Oligarchen Oleg Deripaska, dessen Gastfreundschaft Mandelson mehrfach genoss. Da die Mutter-Firma Gaz nicht mehr zahlt, plant das Management ein Buy-out, benötigt dafür aber 30 Mio. Pfund Staatshilfe.

Gespräche laufen zäh 

Mandelsons Hilfspaket beschränkte sich Ende Jänner weitgehend auf Regierungsgarantien für kommerzielle Kredite. Da diese von den Banken aber nur zögerlich vergeben werden, drängt das Wirtschaftsministerium die Zentralbank zur direkten Kreditvergabe an die Finanztöchter der Automobil-Konzerne.

"Unsere Gespräche könnten schneller gehen, das muss ich zugeben", sagte Mandelson der BBC und schob den schwarzen Peter der Bank of England zu. Die Zentralbanker schossen umgehend per Presseerklärung zurück: "Sektor-spezifische Unterstützung" sei nicht ihre Aufgabe, sondern Regierungsangelegenheit. "Wir sind total frustriert", kommentiert SMMT-Chef Paul Everitt die Angelegenheit.

Immer wieder vertagt hat die Regierung auch die Entscheidung über eine Abwrackprämie, wie es sie etwa in Deutschland, Frankreich und Österreich gibt. Es handle sich um "eine populäre und kostengünstige Methode, die Autoindustrie zu unterstützen", argumentiert Everitt. Der SMMT-Chef stützt sich dabei auf eine Web-Umfrage, derzufolge 76 Prozent der Briten die Prämie befürworten. (Sebastian Borger aus London,  DER STANDARD, Printausgabe, 18.3.2009)

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    Mit dem "echten Ausverkauf" reagieren britische Autobauer auf die Krise. Bezüglich Hilfen für den Sektor heißt es: Bitte warten.

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