"Jeder Film soll mir einen Wunsch erfüllen"

17. März 2009, 18:37
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Ein Porträt der Porträtistin Friedl vom Gröller

Wien - Der Mann blickt in die Kamera. Was er dort sieht, bleibt außerhalb unseres Blickfelds. Aber es findet einen Niederschlag in seiner Mimik - in kleinsten Regungen, einem Hauch von Erstaunen, Freude oder Irritation. Mitunter tritt die Frau hinter der Kamera auch zu den Porträtierten, vollführt kleine Handlungen, geht dann wieder ab. Auch diese Interventionen hinterlassen eine Spur auf dem Gesicht.

"Ich drehe jedes Jahr vier, fünf Filme. Jeder Film soll mir einen Wunsch erfüllen. Aber der Zufall, die Fehler, die meine ursprüngliche Vorstellung während des Filmens abändern, werden mir immer wertvoller, weil sie außerhalb meines Denkens liegen."

Ihr Interesse am Gesicht prägt schon die Fotoarbeiten der Künstlerin Friedl Kubelka, die nach ihrer Wiederverheiratung den neuen, mit einem kleinen Kunstgriff versehenen Namen Friedl vom Gröller trägt. Bereits in den späten 60ern hat sie erste Filme gedreht und nach langer Pause 1993 wieder damit angefangen. Immer auf 16mm, Schwarz-Weiß ("weil die Farbfilme sich durch Alterung verändern"), stumm. Immer eine Rolle Film - das sind drei Minuten. Die Modelle erhalten nur die Anweisung, in die Kamera zu schauen.

Die kleinen Bewegungen, die dann auf dem gefilmten Gesicht sichtbar werden, sagt sie im Gespräch mit dem Standard, "stellen mich zufrieden, so wie viele andere Verfolgungsjagden mit sich überschlagenden, brennenden Autos." Und sie lerne stets Neues: "Wenn ich mich - in dem Film, den ich Ihnen gerade gezeigt habe - umdrehe und zur Kamera zurückgehe, dann bekennt der Porträtierte hinter meinem Rücken unwillkürlich etwas, was er sonst versuchen würde, mir zu verheimlichen. Eigentlich möchte ich natürlich das sehen - wie jeder. Und ich habe ein Filmdokument davon, das ich immer wieder ansehen kann."

Ein Schlüsselsatz von Friedl vom Gröller lautet: "Wo das Können dem Wollen folgt." Getreu diesem Motto hat sie 1990 die Schule für künstlerische Fotografie ins Leben gerufen. Weil sie einen Bedarf ortete. 2006 folgte die Schule für unabhängigen Film. Beide Einrichtungen, die Studierenden und die Gäste, die den Unterricht gestalten (in diesem Schuljahr unter anderem Günther Selichar, Elke Krystufek, Tony Conrad oder Pip Chodorov), teilen sich nunmehr die Räume im fünften Bezirk.

Die Absolventen haben nicht zuletzt gelernt, sich selbst zu organisieren: Barnabas Huber und Thomas Glänzel etwa veranstalten seit 2006 das Fullframe-Festival, das Filme, die sonst in Kunsträumen auf Monitoren laufen, auf die Leinwand holt - dort wird diesen Donnerstag Friedl vom Gröllers Arbeit 1959-2009 uraufgeführt. Die Künstlerin selbst ist darüber hinaus noch mit einem weiteren Projekt beschäftigt, quasi ein Alterswerk: ein etwas anderes Altersheim für Kunstschaffende, Intellektuelle, die sich im Gegenzug verpflichten, ihr Wissen an Besucher weiterzugeben.

Trotz und Stärke

Auch in Filmen wie Polterabend, ist "Altern als privater Prozess" ein wichtiges Thema: "Es ist etwas ganz anderes, als es zeitgenössisch behandelt wird, und es erfordert Trotz und Stärke, sich von der öffentlichen Meinung nicht zu sehr beeinflussen zu lassen. Wenn ich, 62 Jahre alt, an meinem Körper hinabschaue, dann beobachte ich mit Erstaunen, dass sich ein Gefühl der Scham einstellt, als ob ich schuldig wäre. Und dann frage ich mich, warum sich Altersgenossen so ängstlich fügen. Es gibt ein Altern abseits der wirtschaftlichen Überlegungen der Politik. Das ist ein sehr intimer Vorgang mit einem selbst, eigentlich reziprok zu den Vorgängen der Pubertät, wenn alles aufblüht. Mit den natürlichen Vorgängen kann ich mich leichter abfinden als mit der Panik der Gesellschaft. Ich mache Filme darüber, um mich zu stärken." (Isabella Reicher//DER STANDARD, Printausgabe, 18. 3. 2009)

"Polterabend": 18. und 20. 3., Diagonale; "1959-2009": 19. 3., Gartenbau-Kino 20.45

  • Friedl vom Gröller vor einem ihrer Filmporträts - fotografiert von einem der ersten Absolventen ihrer Schule.
 
    foto: christian fischer

    Friedl vom Gröller vor einem ihrer Filmporträts - fotografiert von einem der ersten Absolventen ihrer Schule.

     

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