Der Staffellauf der Wirtschaftskrisenwörter

17. März 2009, 18:21
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In der Ur-Lesung von Elfriede Jelineks neuem Stück "Die Kontrakte des Kaufmanns" im Akademietheater steckte in Wahrheit schon eine - phänomenale - Uraufführung

Wien - "Das Geld ist nicht alles, aber es ist alle": Wer zuletzt Geld verloren hat, konnte zumindest am Montagabend im Akademietheater darüber lachen. Elfriede Jelinek hat in ihrer Wirtschaftskomödie Die Kontrakte des Kaufmanns die Slogans und falschen Sätze zur Finanzkrise durchgewalkt, abgeklopft, geteert und gefedert.

Das im vergangenen September fertiggestellte Bündel an rasenden "Reden" mit vielerlei Subjekten und reichlich Vokabular zwischen Karibikgeschäften und Kanalinselfirmen streifte vor der eigentlichen Uraufführung am 16. April am Schauspiel Köln als sogenannte Ur-Lesung das Akademietheater.

Die Autorin wünschte eine Erstaufführung außerhalb Österreichs, wollte aber offensichtlich ihr Heimatland nicht leer ausgehen lassen. Mit der somit entstandenen Kategorie der Ur-Lesung hatte Wien aber in keiner Weise das Nachsehen: Ein Kölner/Wiener Ensemble bestritt die "Lesung". Joachim Lux (der designierte Intendant des mitproduzierenden Thalia Theater Hamburg) behauptete in einer kleinen Vorrede noch schelmisch, sie sei die einzige Aufführung weit und breit, die länger dauere als ihre eigene Probenzeit. Doch sie entpuppte sich in ihrer dem Textmaterial entsprechenden Roheit und Zerklüftetheit als fabelhaft verkappte Uraufführung. Oder amtlich: Fast-Uraufführung.

Jelinek-Regisseur Nicolas Stemann (Das Werk) hat den Staffellauf der Wörter, den die Schriftstellerin wieder aus einem Mediengebirge abgetragen und rhythmisiert hat, mit ruhiger Hand dirigiert. Die Aufführung erinnert durch ihren Work-in-Progress-Charakter an Arbeiten Christoph Schlingensiefs.

Meinl, quit living on dreams

Der Regisseur geistert mit mehr oder weniger deutlichen Anweisungen als Mitakteur neben seinen Schauspielern durch die "Proben"-Szenerie aus Lesetischen, Mikrofonen, Stühlen, Garderobe & Co. Auch ein Flügel steht herum, ein Schlagwerk und jede Menge Laptops für die famose, den Text live "mitmassierende" Musik von Thomas Kürstner und Sebastian Vogel.

Myriam Schröder und Patrycia Ziolkowska setzen sich, in memoriam Meinl European Land, zwei Mohren-Köpfe auf und tanzen einträchtig durch das Gelage, während - als Highlight - der Regisseur höchstselbst den dazugehörigen Jelinek-Text als Coverversion von Falcos Jeanny intoniert: "Meinl, quit living on dreams / Meinl, life is not what it seems. / Such a lonely little firm in a cold, cold world / There's someone who needs you." "Die Polizei schließt die Möglichkeit nicht aus, dass es sich hier um ein Verbrechen handelt" - die Falco-Schlussstrophe konnte, wer wollte, selbst dazudenken. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war das Format einer Lesung klar gesprengt.

Auch die Rahmenbedingungen, die den viereinhalbstündigen Abend begleiteten, trugen einiges dazu bei, dass sich die Jelinek'schen Sprachmassen bis Mitternacht lebhaft mitteilten: Die Saaltüren und das Buffet waren durchgehend geöffnet. Aber bis ins Theaterfoyer strömte einem der Text um die Ohren und um die Frankfurter Würstel.

Wieder drinnen: In Live-Projektionen an der Feuermauer wurden Szenendetails in Vergrößerung gezeigt, Menschen, die die in den Rachen gesteckten Geldscheine erbrechen. Irgendwann im Verlauf des am Bühnenrand eingeblendeten Seitencountdowns (von 95 abwärts): "Sie müssen sich damit abfinden, so wie wir uns mit unseren Abfindungen abfinden müssen."

Chor der Greise

Viele Subjekte sind involviert, wenn bei Elfriede Jelinek eine/r den Mund aufmacht. Das erkennbare Subjekt verflüchtigt sich, ähnlich wie im Kriegstext Bambiland.

Kollektiv erheben sich die Stimmen der Kleinanleger ("Da haut es uns die Sicherungen durch") oder der "Chor der Greise". Die Reden bezweifeln sich stets selbst - "Der Satz stimmt jetzt nicht, aber was stimmt denn schon?" -, um aber gleich wieder neue Behauptungen aufzustellen, die jedem Aktionär längst spanisch vorkommen.

Refco, Heuschrecken, Handelsbilanz, Hochpreissegment, Guernsey, und irgendwann muss alles wieder beim Menschen enden: beim Axtmörder, der seine Familie hinrichtet, weil seine Schulden aussichtslos hoch geworden sind. Ein phänomenaler Abend. (Margarete Affenzelle/DER STANDARD, Printausgabe, 18. 3. 2009)

  • Philipp Hauß, Patrycia Ziolkowska, Rudolf Melichar, Franziska
Hartmann (liegend), Barbara Petritsch und Maria Schrader unterm
Wolfspelz (v. li.) bei der "Ur-Lesung" des neuen Jelinek-Stücks.
 
    f.: reinhard werner

    Philipp Hauß, Patrycia Ziolkowska, Rudolf Melichar, Franziska Hartmann (liegend), Barbara Petritsch und Maria Schrader unterm Wolfspelz (v. li.) bei der "Ur-Lesung" des neuen Jelinek-Stücks.

     

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