Viel los in Goethes Schreibstube

17. März 2009, 18:10
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David Mouchtar-Samorais "Faust II"-Panoptikum in Linz

Linz - So locker und flapsig, wie Regisseur David Mouchtar-Samorai Faust-Szenen flicht, scheint ihm der Tragödie zweiter Teil mehr zu liegen als der erste, der bereits im Jänner Premiere hatte. Nun, im zweiten Goethe-Anlauf, zeigt Mouchtar-Samorai in den Linzer Kammerspielen ein lebendiges Panoptikum aus komisch-burlesken Szenen und wohltemperiertem klassischem Geschehen.

Verortet wird der Szenenreigen in Goethes Schreibstube. Stefan Matousch spielt den übernächtigten, aber arbeitsamen Dichterfürsten, der zwischen Bettstatt und Stehpult hin- und herwandelt; und er taucht auch in der zurückhaltenden Rolle des Faust im Bühnengeschehen auf. Ein quirliger Mephisto, den Vasilij Sotke vielgestaltig zu geben weiß, fungiert als aktiverer Widerpart.

Doch erst einmal muss Faust erwachen. Schellenklänge und die in sattes Grün getauchte Bühne lassen ihn die Gretchentragödie vergessen; die Farbenpracht des Frühlings lässt ihn auf paradiesischen Neubeginn hoffen. Ein wenig manieristisch wird auf Goethes Farbkreis verwiesen: Am Bühnenrand montiert, dient er der Lichtregie als Referenz.

Sobald er aufgestanden ist, geht Goethe pflichtbewusst ans Werk. Er schreitet ans Stehpult, um niederzuschreiben, was gleichzeitig auf der Bühne anhebt. Diesem Stilmittel sowie dem chorischen Auftreten des Ensembles bleibt die Regie treu: Es markiert den Wagen des Knaben Lenker, stolziert als Gärtnerinnen über den Laufsteg oder wohnt der Erscheinung von Paris und Helena als Tratsch- und Klatschgesellschaft bei, mit Damenhüten, die Ascot zur Ehre gereichen würden.

Jubel und Wehklagen

Alles nur Maskenspiel und Mummenschanz? Ganz und gar nicht, hinter allem steckt das manipulative Streben Mephistos. Als gut ausgestatteter goldener Stier wirft er in der Gestalt Plutus Aktien unters Volk; mit fieberhaften Kursschwankungen ruft er Jubel und Wehklagen im Sekundentakt hervor.
Da hilft dann nur noch mehr Papiergeld, um die Bedürfnisse zu stillen. Doch sein Lehrling Wagner will mehr: Der zum Genetiker mit Krankenkassabrille gereifte Gehilfe werkt an der Erschaffung eines Menschen. Dem Versuch entspringt Hitler, der mit seinem Schöpfer munter in die Pause tanzt.

Danach lässt es Regisseur David Mouchtar-Samorai etwas ruhiger angehen. In der Vielzahl an klassischen Figuren und Geschichten - von Helena bis zu Philemon und Baucis - findet er zu einer ausgewogenen Dramatisierung, ganz ohne philisterhafter Bedeutungsschwere. Unterstützt wird er dabei von seinem engagierten Ensemble. Irritierend passiv gerät lediglich der junge Faust (gespielt von Georg Bonn), eine etwas schale Anspielung auf die Inszenierung des ersten Teils.

Alles in allem, so die Conclusio, sollen wir das späte Rätselwerk Goethes aber nur nicht zu tragisch nehmen. Denn am Ende erwacht der Dichterfürst aus dem Schlaf - als wäre alles nur ein böser Traum gewesen. (Wolfgang Schmutz/DER STANDARD, Printausgabe, 18. 3. 2009)

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