Für Schüler beginnt wieder der Alltag

17. März 2009, 17:12
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Schweigeminute für die Opfer - Psychologe kritisiert frühe Klassenrückkehr - Obduktion ergab: Til K. tötete sich durch Kopfschuss

Winnenden/Stuttgart - Nach dem Amoklauf von Winnenden sollen die Schüler der betroffenen Albertville-Realschule nach und nach wieder in den Schulalltag zurückkehren. Ab Montag kommender Woche steht wieder Pflichtunterricht an, wie Regierungsschuldirektor Wolfgang Schiele am Dienstag in Winnenden ankündigte. Eine Woche nach dem Amoklauf soll am Mittwoch in Baden-Württemberg mit einer Schweigeminute der Opfer gedacht werden. Unterdessen liegt das Obduktionsergebnis des Amokläufers vor.

Die Schüler werden aber vorerst nicht in ihr altes Schulgebäude zurückkehren. Die Klassen würden auf verschiedene andere Schulen verteilt, sagte Schiele. Die Zukunft des Schulgebäudes, das wegen der laufenden Ermittlungen weiter gesperrt blieb, ist dem Regierungsschuldirektor zufolge unklar.

Weg zurück in die Normalität

Seit Montag dieser Woche besteht für die Schüler bereits die Möglichkeit, wieder mit Mitschülern und Lehrern zusammenzukommen. Das Angebot, bei dem sie auch psychologisch betreut werden, ist aber noch freiwillig. Es gehe um einen Weg zurück in die Normalität, sagte Schiele. Die rund 600 Schüler kamen dabei in Schulen, Sport- und Gemeindehallen zusammen.

Der Essener Psychologe und Trauma-Spezialist Christian Lüdke kritisierte die Rückkehr in dieser Woche als zu früh. Die Schüler stünden noch "total unter Schock", es sei viel zu früh, sie wieder in die Klassenverbände zu schicken, sagte Lüdke der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse". Es helfe auch nicht, dass die Schulleitung den Jugendlichen die Teilnahme am Unterricht freigestellt habe. Nach seiner Ansicht wären zwei Wochen Zwangsurlaub sinnvoller gewesen.

Die Erfurter Traumapsychologin Alina Wilms drängte auf ein klares Nachsorgekonzept für die Betroffenen. Ein strukturiertes psychologisches Betreuungskonzept sei von entscheidender Bedeutung, um zu verhindern, dass sich die traumatische Belastung von Schülern, Lehrern und Angehörigen unnötig verlängert, sagte Wilms. Die Therapeutin appellierte an die Verantwortlichen in Baden-Württemberg, die einschlägigen Erfahrungen nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium vom April 2002 zu nutzen. In Erfurt hatte ein ehemaliger Schüler vor fast sieben Jahren 16 Menschen erschossen.

Schweigeminute

Mit einer Schweigeminute soll am Mittwoch an Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen in Baden-Württemberg an die Opfer des Amoklaufes von Winnenden gedacht werden. Ministerpräsident Günther Oettinger bat darum, um 10.00 Uhr zusammen mit dem Landtag der Opfer zu gedenken. Damit werde "unsere Fassungslosigkeit und unsere Trauer" bekundet, erklärte Oettinger.

Am Dienstag wurden laut Polizei zwei Lehrerinnen und eine Schülerin im engsten Kreis beerdigt. Eine der beiden Lehrerinnen wäre am Dienstag 25 Jahre altgeworden.

Selbstmord durch Kopfschuss

Laut Obduktionsergebnis hat sich der Amokläufer Tim K. mit einem Kopfschuss selbst getötet. Nach dem vorläufigen Obduktionsergebnis schoss er sich am vergangenen Mittwoch am Ende seiner Flucht in die Stirn. Es sei ein "Nahschuss" gewesen, teilte die Staatsanwaltschaft Stuttgart mit. Seine Leiche sei bereits am Freitag freigegeben worden. Wann Tim K. beigesetzt wird, ist bisher nicht bekannt.

Die Ermittler prüfen unterdessen weiter die vermeintliche Ankündigung des Amoklaufs in einem Internet-Chat. Es spreche viele dafür, dass dieser Eintrag gefälscht sei, sagte Landesinnenminister Heribert Rech. Laut Rech wurde auch ein Computer der Mutter des 17-jährigen Amokläufers Tim K. beschlagnahmt. Die Ermittler warten aber vor allem auf Informationen von dem US-Betreiber des Internet-Chatrooms, in dem der Eintrag zu lesen gewesen sein soll. (APA/AFP/dpa)

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