Kritik am Umgang mit der Presse: "Lustig oder?"

17. März 2009, 13:27
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Der Prozess gegen Josef F. füllt nicht nur die Titelseiten heimischer Medien mit Details über den Inzestprozess, sondern sorgt auch Kritik. Aufs Korn genommen wird unter anderem der Umgang mit der internationalen Presse, der Auftritt von Aktionisten und die Berichterstattung der Kollegenschaft. Im Folgenden einige Zitate aus den Dienstagsausgaben österreichischer Printmedien:

Der "Kurier" teilt die Kritik vieler ausländischer Medien an der Informationspolitik und wagt einen Ausblick auf den Ausgang der Verhandlung: "Bei der anschließenden Pressekonferenz verkündete der Gerichtssprecher, er könne nichts sagen, weil er ja auch nicht im Saal gewesen sei. Lustig oder?" "So bleibt am Ende des ersten Tages - und vielleicht vom ganzen Prozess - nur die selbstmitleidige Selbstdarstellung des Angeklagten als ungewolltes Kind, das trotzdem etwas aus sich gemacht habe."

Die "Kronen Zeitung" zeigt sich entrüstet über den "Jahrmarkt der Eitelkeiten" am Rande des Prozesses: "Aktionisten verwandeln den Platz vor dem Gerichtsgebäude in eine Bühne voll der Kuriositäten und Geschmacklosigkeiten...Schon Andy Warhol erkannte dereinst die fragwürdigen '15 Sekunden Berühmtheit'."

Auch die "Vorarlberger Nachrichten" urteilen über das Medienspektakel rund um den Prozess: "'Öffentliche Hinrichtungen sind immer auch ein Volksfest.' An diese Volksweisheit wird man unwillkürlich erinnert, wenn man den Rummel vor dem Gerichtsgebäude in St. Pölten erlebt: ... ein Mann im King-Kong-Kostüm brüllt unaufhörlich seine sexuellen Bedürfnisse hinaus..."

Die "Wiener Zeitung" fürchtet eine "Quotenjagd ohne Grenzen?": "Auch die eher niveauvolle Diskussion des Falles F. "im Zentrum" am Sonntag ändert nichts an der Tatsache, dass der ORF in seinen Nachrichten- und Magazinsendungen den Informationsauftrag überzieht und den Prozess ungeniert zur Quotenjagd benützt."

Die Tageszeitung "Österreich" betitel ihren Bericht über Josef F. mit den Worten "Er badete in Selbstmitleid - Tränen vor Gericht": "Wie stellt sich der Inzest-Vater, der E. 24 Jahre in ein Verlies sperrte und missbrauchte, seinem Strafverfahren? Nicht wie ein Mann."

DER STANDARD erörtert in einem Kommentar juristische Schwierigkeiten: "Dennoch werden bei dem Verfahren am Landesgericht St. Pölten 'Besonderheiten' des österreichischen Rechtssystems deutlich, die grundsätzlich hinterfragt werden müssen. So wird beispielsweise das Urteil (...) in keiner Weise nachvollziehbar sein. (....) da der Richtersenat bei der Beratung der Geschworenen nicht anwesend ist, kann am Ende nur deren Urteil und das Strafmaß verkündet werden - aber keinerlei Begründung."

"Die Presse" lässt den "Ansturm auf St. Pölten" Revue passieren: "...Journalisten fallen übereinander her, stellen sich gegenseitig Fragen, Fotografen lichten einander beim Fotografieren ab. Viele kleine Zelte, die die Technik vor Regen schützen sollen, sorgen für Campingplatz-Stimmung."

Die "Stunde der Selbstinszenierer" von Schauspielern vor dem Prozess wird auch von den "Salzburger Nachrichten" aufgegriffen: "'Zufrieden ist man nie', antwortet der Schauspieler. Aber die Medien hätten tadellos funktioniert: 'Sie waren wie die Geier, oder?'" (APA)

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