DDR-Regime blieb bis zum Ende "starr und stur"

17. März 2009, 12:38
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Ostdeutscher Historiker und Autor: Kurz vor der Wende sei sogar eine Militarisierung der SED zu bemerken gewesen

Leipzig - Der evangelische Theologe und Historiker Michael Richter spricht von einer "Bilderbuchrevolution": Die Wende in der DDR sei eine Revolution gegen das Prinzip der Revolution gewesen, eine Rückkehr zum Bürgerlichen. In seinem Buch "Die Bildung des Freistaats Sachsen - Friedliche Revolution, Föderalisierung, deutsche Einheit 1989/90" das er im Rahmen der Leipziger Buchmesse präsentierte, stellt er Legenden über diese Zeit den Fakten gegenüber.

Den Begriff "Wende" hätten sich die Menschen vom damaligen Staatschef Egon Krenz zurückgeholt, indem sie gemeint hätten: "Jetzt machen wir die richtige Wende." Generell beurteilte Richter die Rolle der SED in der Umbruchszeit kritisch: Anfang 1990 hätte die Regierung unter Hans Modrow den Auftrag für Veränderungen missbraucht, um einen neuen Sozialismus zu etablieren und ihn in der Verfassung zu verankern, sagte der Autor, der von einem "auslaufenden Totalitarismus" sprach.

Militarisierung der SED

Am Ende wäre sogar eine Militarisierung der SED zu bemerken gewesen: "Die Führung war starr und stur, noch unter Modrow und Gysi wurde an der Ideologie des Klassenkampfes festgehalten. Es war keine Implosion, sondern ein harter Kampf bis Ende Januar 1990", sagte Richter. Dann sei es mit der SED "vorbei gewesen", auch wenn sie "dank Gregor Gysi einiges in die PDS hinüberretten" habe können.

Auch Dialogveranstaltungen hätten sich in jenen Tagen zu Protestveranstaltungen gewandelt: "Da wurde mit der Regierung abgerechnet", so der Autor. Sachsen habe dabei eine besonders hohe Mobilisierung erreicht, im Durchschnitt 40 Prozent. In Leipzig seien 60 Prozent der Bürger auf die Straße gegangen, die höchste Rate eines Stadtkreises. "Manche Orte hatten eine Mobilisierung von 450 Prozent", sagte Richter. "Da kamen sie aus den Nachbarorten, weil es da die beste Kneipe gab."

Abwahl

Die schweigende Mehrheit habe sich schließlich bei der Abwahl der DDR geäußert, meinte der Buchautor. "Das war eine der revolutionärsten Forderungen überhaupt." Die Hauptforderungen der Demonstranten richteten sich auf Demokratie, Freiheit und deutsche Einheit. "'Wir sind ein Volk' war demonstrationsuntypisch, das kam vom Westen", fügte der Autor hinzu.

Richter behandelt in seinem über 1.000 Seiten starken Werk alle sächsischen Kreise und Ortschaften, in denen Demonstrationen stattfanden, in der Zeit zwischen Frühjahr 1989 und den Märzwahlen 1990. Kursierenden Legenden über diese Tage wollte er Faktisches entgegensetzen, sagte er über das Buch, das an die sächsischen Schulen ausgegeben wird. (APA/red)

Buchtipp

Michael Richter: "Die Bildung des Freistaats Sachsen - Friedliche Revolution, Föderalisierung, deutsche Einheit 1989/90"
Vandenhoeck und Ruprecht Verlag, Göttingen
1184 Seiten, 96 Euro

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    Staatschef Egon Krenz (links) und Günter Schabowski beschwören die Demonstranten am 8. November 1989 in Berlin. Geholfen hat es nichts: am Tag darauf fiel die Mauer.

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