Am Ende einer Reise ...

  • Die Micos-Wasserfälle von oben, eingebettet in saftiges Grün.
    foto: katja fleischmann

    Die Micos-Wasserfälle von oben, eingebettet in saftiges Grün.

... kommen Erinnerungen an schöne Zeiten, an Geschichten und Gesichter, die Katja in Erinnerung bleiben werden. Ein Reiseblog voller Erinnerungen

Seit über einer Woche bin ich nun wieder zu Hause und laufe durch heimische Gefilde. Oder auch nicht. Nach fünf Monaten Reise durch Mexiko und Zentralamerika, bei zuletzt tropisch heißen Temperaturen in Panama konnte es nicht anders sein: Ich leide am Wetterschock. Längst vergessen die sehnsüchtigen Gedanken an winterlich-romantische Schneelandschaften, die ich während der Weihnachtszeit in Nicaragua kurz hegte. Ich bin wieder gelandet in der Realität, sitze nun im winterlichen Wien, das sich gerade von seiner rauhen und regnerischen Seite zeigt.

Doch ist es gar nicht die Kälte, die mir dieser Tage etwas auf den Magen schlägt. Nein, es ist die graue Wolkensuppe, die über der Stadt hängt und kaum einen Sonnenstrahl durchlässt. Ja, mir fehlt die Sonne, oh ja, mir fehlt das Licht. Und dabei habe ich mich auf meine Rückkehr nach Österreich gefreut, auf meine Familie und auf meine Freunde. Doch die Phase des "Ankommen und Wiedereingewöhnen" braucht seine Zeit. Und so schwebe ich nun dahin zwischen dem "Hier und Jetzt" und dem was war.

Ich bin dabei mich von meiner Reise zu verabschieden und lasse die vielen Bilder noch einmal an mir vorüberziehen. Da die großen Abschiede jedoch nicht immer leicht sind, schiebt man sie oft vor sich hin und so wird das Revue passieren wohl noch länger dauern, so wird es wahrscheinlich noch ein paar Wochen brauchen bis ich wieder richtig "da" bin. Und das ist gut so. Das Flugzeug hat mich in knapp zehn Stunden von dort nach hier gebracht und auch wenn ich die Zeitverschiebung kaum bemerkt habe, so ist das "sich Wiederfinden" in der eigenen Kultur doch abrupt.

Durch das Reisen und Kennenlernen neuer Menschen, Länder und Kulturen erweitert sich das Vergleichsspektrum, Neues setzen wir in Beziehung zu Altem oder Altbekanntem. Und auf diese Weise lernen wir dazu und bewerten manche Dinge für uns neu. Ich habe während meiner Reise meine Beziehung zu meiner Heimat neu definiert, habe zu schätzen gelernt was es für mich bedeutet aus Österreich zu kommen. Was es heißt in einem Sozialstaat zu leben und welche Möglichkeiten mir in die Wiege gelegt wurden. Was Sicherheit für mich ist und was Bewegungsfreiheit. Und ich habe so viel mehr über die bereisten Länder gelernt, viel mehr, als nur über die negativen Aspekte wie Kriminalität, Armut und Ungerechtigkeit zu berichten - obgleich diesen Themen in unseren Breiten viel mehr Platz eingeräumt werden sollte.

Doch will ich über die positiven und besonders schönen Erlebnisse und Begegnungen erzählen ohne zu romantisieren. Ich möchte die kleinen Episoden beleuchten, die jede für sich meine Reise so reisenswert gemacht haben. Mitte Oktober etwa war ich in Guadalajara, der Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaates Jalisco. Vorfreude und Erwartungen waren riesengroß und ich im Nachhinein ziemlich enttäuscht. Ich fand keinen Zugang zu dieser Stadt, das Zentrum kam mir schmutzig vor und die Armut der Menschen bedrückte mich auf eigenartige Weise viel stärker als je zuvor.

Als ich diese Empfindungen später meinen mexikanischen Freunden erzähle, wundern sie sich. Meine Schilderungen scheinen nicht zu dem Bild zu passen, das sie von dieser Stadt haben. Später denke ich, dass ich Guadalajara vielleicht einfach mit dem "falschen" Fuß betreten habe, es vielleicht mehr an einer momentanen Stimmung lag, denn an der Stadt selbst, dass ich sie nicht mochte. Und doch war der Besuch richtig und wichtig für meine Weiterreise. In meiner Unterkunft lerne ich Guillermo kennen, der nachmittags an der Rezeption arbeitet. Da wenig los ist, nützt er die Zeit um zu lernen. Er lernt Deutsch. Ich helfe ihm bei ein paar Fragen zur Grammatik und wir tauschen einfache Sätze aus, dann wechseln wir auf Spanisch.

Ich bin unentschlossen, weiß nicht was ich tun soll, weiß nur, dass ich nicht so lange in Guadalajara bleiben möchte wie ich anfangs einplante. Ich habe Lust nach Mexiko City zurückzufahren, zurück zu Jorge und Malin. Ich hänge etwas in der Luft, fühle mich irgendwie einsam. Guillermo erzähle ich, dass ich bald weiter in den Süden reisen möchte. Er sieht mich an und erwidert: "Der Süden Mexikos ist zweifellos wunderschön und hochinteressant, aber ich verstehe nicht, warum alle Touristen immer nur dorthin fahren. Mexiko hat doch noch viel mehr zu bieten." Ich sehe ihn fragend an und dann beginnt er zu erzählen, von einer Reise, die er vor einigen Jahren einmal machte. In die Huasteca Potosina, einer Gegend nahe der Stadt San Luis Potosi, im Zentrum des Landes. Er spricht von der "Stadt des Lichts", wie San Luis Potosi auch genannt wird, von der "Laguna de la Media Luna", dem Halbmondsee, von vielen verschiedenen Wasserfällen und anderen Naturspektakel und vom geheimnisvollen "Castillo del ingles", dem Schloss des Engländers - einem surrealistischen Garten mitten im Regenwald.

Guillermo dreht den Bildschirm des Computers, damit ich besser sehen kann und zeigt mir verschiedene Fotos. Ich bin neugierig geworden. In meinem Reiseführer finde ich rein gar nichts über diese Orte, doch das spornt mich fast noch mehr an. Und dann ändere ich meine Pläne, reserviere ein Zimmer in San Luis Potosi und nehme den Bus am nächsten Morgen. Zwei Tage später fahre ich nach Ciudad Valles. Das Wetter ist schlecht und so lasse ich den Halbmondsee aus. Ciudad Valles soll der Ausgangspunkt für meine Ausflüge in die Umgebung werden. Das Städtchen ist sehr gewöhnlich, ruhig und ohne Charme. Und dann wird es kompliziert. Um zu den Wasserfällen zu gelangen bräuchte ich ein Auto, das ich nicht habe. In der Stadt gibt es einige Touroperator und ich klappere ein Büro nach dem anderen ab, drei insgesamt. Fehlanzeige.

Es ist unter der Woche und Nebensaison und wegen einer Person lohnt sich die Ausfahrt nicht. Ich bin enttäuscht, auch wenn ich die Absagen verstehe. Ich frage mich, was ich hier eigentlich mache. Wieder diese Sehnsucht nach meinen Freunden, einen knappen Monat bin ich nun allein unterwegs. Am nächsten Tag gelingt es mir doch noch per Bus zu den Micos-Wasserfällen zu gelangen. Der Fahrer lässt mich am Straßenrand aussteigen und zeigt mir noch den Weg, den ich hinuntersteigen soll. 15 Minuten später stehe ich vor einem See und sehe am linken Ende zwei breite Stellen, an denen das Wasser herunterschießt. Außer mir stehen noch ein paar andere Menschen herum und im Wasser sehe ich ein Boot, das drei Personen wieder an Land bringt. Ich gehe näher heran und frage einen der älteren Herrn, ob man die Boote mieten kann. Der junge US-Amerikaner, der sich gerade eine Rettungsweste überzieht, deutet auf das Ruderboot und fragt, ob ich mitfahren möchte. Ein Platz sei noch frei.

Zu dritt fahren wir mit dem Führer über den See, ganz nah an die Wasserfälle heran. So nah, dass wir nass werden. Ich habe schon Spektakuläreres gesehen, doch ich genieße den Ausblick zufrieden. Die Kraft des Wassers zieht mich immer wieder in den Bann. Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf meine anderen Sinne. Nach 20 Minuten gelangen wir wieder ans Ufer und die kleine Gruppe Amerikaner bricht bald darauf auf.

Ich setze mich auf einen Baumstamm und packe mein Jausenbrot aus, außer mir und dem Bootsfahrer ist nun niemand mehr hier. Ich frage, ob er jeden Tag hier ist und er nickt mit dem Kopf. Dann erzähle ich ihm, dass ich mit dem Bus hergekommen bin und von meinen vergeblichen Versuchen eine Tour zu buchen. Er nickt wieder: "Die Saison beginnt erst in ein paar Wochen, jetzt ist nichts los hier. Aber vielleicht kann Ivan dir weiterhelfen, ich arbeite mit ihm zusammen, er organisiert auch Touren." Und dann steckt er mir einen Zettel zu, auf dem eine Telefonnummer steht. "Versuchen kann ich es ja." Später fahre ich in die Stadt zurück.

Nun rufe ich bereits zum dritten Mal die gleiche Nummer, zweimal hat mich die Stimme eines älteren Herrn bereits auf später vertröstet, doch diesmal ist es Ivan, der ans Telefon geht. Ich bin mittlerweile routiniert darin, mein Anliegen vorzubringen und füge auch gleich hinzu, dass alle anderen Tourbüros mir eine Absage erteilt hatten. Ivan war nahe daran mir ebenfalls abzusagen. Der Grund ist einleuchtend, es rentiert sich einfach nicht für ihn. Wir sprechen bereits einige Minuten miteinander, als er mich fragt woher ich eigentlich komme und was ich hier mache. Ich erzähle ihm von Guillermo, der mir empfohlen hat, hierher zu kommen und dass ich bereits mehrere Wochen durch Mexiko reise. Meine Stimme klingt wohl mittlerweile etwas abgekämpft und resigniert. Und dann ändert Ivan seine Meinung und fragt mich nach meinem Hotel. "Morgen um neun Uhr hole ich dich ab!". Ich bin überrascht und freue mich.


"Puente de Dios", die Brücke Gottes - faszinierendes
 Erlebnis für die Sinne
.

Am nächsten Tag fahren wir in seinem Minivan zu den Tamasopo-Wasserfällen und zur "Puente de Dios", der Brücke Gottes. Die Erosionskraft des Wassers hat den Stein zwischen zwei Hügeln zu einer natürlichen Brücke geformt. Von allen Seiten stürzt das Wasser des Tamasopo-Flusses in das steinerne Wasserbecken. Ich lehne neben meinem Begleiter am Holzgeländer und verfolge den Sturz von Abermillionen Wassertropfen in die Tiefe. Der Lärm des Wassers ist berauschend, seine Kraft benebelt meine Sinne. Minutenlang stehe ich stumm neben Ivan und lasse das Naturschauspiel auf mich wirken. Später frage ich ihn, ob es für ihn noch etwas Besonderes sei hierher zu kommen und er nickt bejahend: "Je nach Jahreszeit zeigt sich die Natur von einer ganz bestimmten Seite, es ist immer wieder schön, diese Veränderungen verfolgen zu können."

Was ihm Sorgen macht, ist die Zukunft der Region, die Pläne für den Tourismus sind ehrgeizig und nehmen dabei oftmals keine Rücksicht auf das, was sie eigentlich vermarkten wollen: die kostbaren Schätze der Natur. Und dann erzählt Ivan mir von seinem Studium in Puerto Vallarta an der Pazifikküste, seiner Entscheidung zurück nach Ciudad Valles zu kommen, um sich hier für einen nachhaltigen Tourismus einzusetzen, auch wenn der Weg zuweilen steinig ist.

Wie die "Puente de Dios" liegen auch andere Naturschauplätze in Gebieten, die von indigenen Gruppen verwaltet werden. Ivan geht auf die Menschen zu um ihnen als Berater zur Seite zu stehen, sie über ihre Rechte aufzuklären und sich gemeinsam mit ihnen gegen den Ausverkauf der Natur zur Wehr zu setzen. "No al tunel en la cascada de Tamul" steht auf seiner Homepage www.aventours.org - ein lautes Nein zum geplanten Bau eines Tunnels durch den Wasserfall Tamul, dessen Sinnhaftigkeit für die Befürworter lediglich darin besteht Massen von Touristen auf schnellstem Wege zum fallenden Wasser zu manövrieren. Ich höre interessiert seinen Ausführungen zu und stelle immer wieder Fragen.


Ivan Lopez ist der perfekte Begleiter für eine Tour durch
 die Huasteca Potosina.

Unsere Unterhaltung führt uns im Laufe des Tages zu vermeintlich unterschiedlichen Themen wie Tourismus, Nachhaltigkeit, Bildung, indigener Bevölkerung und Politik - Themen, die bei genauerer Betrachtungsweise von enormer Bedeutung für die Region sind. Dieser Ausflug an einem der letzten Tage des Oktobers war nicht nur unglaublich beeindruckend sondern auch besonders informativ und in Ivan habe ich nicht nur einen motivierten und engagierten Unternehmer in Sachen Ökotourismus und Nachhaltigkeit getroffen, sondern auch einen sehr sympathischen jungen Mann, der sich entschlossen hat, mir die Umgebung zu zeigen, obwohl es sich finanziell für ihn nicht lohnt. "Das passiert dir auch nicht alle Tage", habe ich mir gedacht als Ivan mich wieder zurück zum Hotel bringt und ich mich tausendmal bei ihm bedanke.


Bekanntschaft mit Rocio und Antonio, den sympatischen Stadtreportern aus Ciudad Valles.


Später drehe ich noch eine Runde im Stadtzentrum und komme zufällig zur Präsentation der Altäre, die für den "Tag der Toten", einem der wichtigsten Feste in Mexiko, feierlich geschmückt und vorgestellt werden. Und dann spüre ich, wie mir jemand von hinten auf die Schulter tippt. Rocio und Antonio arbeiten bei der Stadtzeitung und ich bin ihnen als einzige Ausländerin sofort aufgefallen. Nach ein paar Fragen und ehe ich mich versehe, nehmen sie mich an der Hand und führen mich zum Tourismusbeauftragten der Stadt. Der telefoniert ein paar mal und tags darauf sitze ich im Bus zusammen mit einer gemischten Gruppe von mexikanischen und internationalen Journalisten und sehe schlussendlich all die wunderbaren Orte, die Guillermo mir damals in Guadalajara auf dem Computer gezeigt hat und noch mehr. Und das ist nur eine der vielen Geschichten, die mir in den Kopf kommen, wenn ich an meine Reise zurückdenke, sind nur ein paar der vielen Gesichter von Menschen, die mir in Erinnerung bleiben werden, weil sie mich so positiv überrascht haben. Menschen in Mexiko, Nicaragua, Costa Rica oder Panama. (Katja Fleischmann)

 

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