Späte Emanzipation vom Patriarchalen

16. März 2009, 19:42
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Ein britischer Literaturwissenschafter über das "spezifisch Österreichische" am Fall F.

Die Erzählung Turmalin (Der Pförtner im Herrenhaus) von Adalbert Stifter findet sich in vielen Anthologien mit Schmuckstücken der deutschen Literatur. Der österreichische Schriftsteller schrieb im Jahr 1852 eine Fallgeschichte voll untergründiger Bildlichkeit auf: Ein Mann, der von seiner Frau betrogen wurde, verschwindet spurlos mit der kleinen Tochter. Viele Jahre später wird das Mädchen in einem Keller an der Seite der Leiche des Vaters aufgefunden.

"Sehr schwer war es, das Mädchen von dem unterirdischen Gewölbe zu entwöhnen. Es hing mit einer Hartnäckigkeit an dem Gemache (...). Die freie Luft scheute es noch mehr als fast alles andere. (...) Es wusste von seiner frühen Jugend gar nichts, durchaus gar nichts. Es fand sich mit seinem Bewusstsein erst in dem unterirdischen Gewölbe des Herrenhauses."

Der britische Germanistikprofessor Ritchie Robertson musste, als er zum ersten Mal von dem Fall F. im österreichischen Amstetten hörte, an diese Erzählung von Stifter denken. Er schrieb daraufhin einen Text unter dem Titel "Die fiktiven Vorfahren des Josef F.", der vor knapp einem Jahr im Times Literary Supplement veröffentlicht wurde und trotz einiger Zuspitzungen eine der interessantesten Antworten auf die Frage darstellt, ob denn dem nun verhandelten Verbrechen etwas spezifisch Österreichisches eigne. Robertson wagt seine starke These erst ganz zum Schluss: "F. hat schon in der Literatur existiert, bevor er in der Wirklichkeit in Erscheinung trat."

Die literarischen Funde, mit denen Robertson dies begründet, sind zahlreich und weisen tatsächlich viele verblüffende Parallelen auf. Bei Stifter sind die sexuellen Zwischentöne der Beziehung zwischen dem Vater und der weggesperrten Tochter naturgemäß sehr diskret, sie sind aber für moderne Leser doch auch sehr deutlich. In Das Grab der Lebendigen (auch bekannt unter dem späteren Titel Die Ortliebschen Frauen) von dem wegen seiner Naziverbindungen umstrittenen Franz Nabl fällt eine ganze Familie nach dem Tod des Vaters aus der Welt - eine Mutter und zwei Töchter kapseln sich ab, sie bleiben ganz unter dem Bann des abwesenden Mannes. Der kleine Bruder wird in den Keller gesperrt.

Verbindendes Motiv

So stark die Szenerien sich hier ähneln, so stark ist auch das verbindende Motiv: patriarchale Autorität. Robertson findet weitere Belege bei Nestroy und vor allem in Elias Canettis Roman Die Blendung, in dem der Hausmeister Benedikt Pfaff seine Tochter wegsperrt, all dies unter dem Titel eines Züchtigungsrechts, wie es lange den Eltern zugestanden hatte und wie es von autoritären Gemütern immer noch gern reklamiert wird.

In Veza Canettis Stück Der Oger wird die gleiche Konstellation auf die Beziehung zur Gesellschaft hin untersucht: Ein Mann zeigt nach außen eine ganze andere Seite als nach innen, gegenüber seiner Familie, die er als veritabler Tyrann beherrscht und über die er die absolute Verfügungsgewalt ausübt. Aus diesen literarischen Befunden glaubt Robertson auf die "verschlungenen Energien" schließen zu können, die in der österreichischen Gesellschaft wirken und die eine "kulturelle Matrix" bilden, in die Josef F. nur zu gut passe.

Das spezifisch Österreichische, das sich in dem Fall zu erkennen gibt, wäre dann eine spezifische Verspätung in der Emanzipation von patriarchaler Autorität. Das vierte Gebot, das darauf verpflichtet, die Eltern in Ehre zu halten, wurde in einer traditionell katholischen Kultur lange mit dem ersten Gebot auf die männliche Herrschaft hin eng geführt, wie man schon bei dem Volksdramatiker Ludwig Anzengruber nachlesen kann. Das ist kein aufsehenerregender Befund, weist aber doch in eine Richtung, die den Fall auf einer anderen Ebene verhandelbar macht als nur auf der gerichtlichen. "Literaturgeschichtler", schreibt Robertson deswegen mit einigem Recht, "finden es schwieriger als Politiker, sich so einfach von Josef F. zu distanzieren." (Bert Rebhandl/DER STANDARD-Printausgabe, 17.3.2009)

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