Aktionismus

"Wie auf einem Jahrmarkt" - mit Video

16. März 2009, 19:34
  • Artikelbild

    Hunderte Journalisten filmen und
    interviewen einander - mangels anderer Motive.

  • Artikelbild

    Live-Einstiege zur Prime-Time vor dem Gericht

Vor dem Landesgericht St. Pölten machten Demonstranten mit morbiden Aktionen auf sich aufmerksam - Im Pressezelt stauten sich hunderte Journalisten aus aller Welt, während Josef F. vor Gericht geführt wurde

Nackte Babypuppen, teils mit roter Farbe bespritzt, kugeln auf dem Asphalt herum. Richard Wagners "Götterdämmerung" schallt aus den Lautsprechern, wird regelmäßig von der Stimme eines Sprechers mit den Worten "Yes, we can" übertönt. Aktivisten der Kinderschutz-Gruppe Resistance for Peace demonstrieren vor dem Landesgericht St. Pölten. Sie werfen Österreichs Regierung in Bausch und Bogen vor, Pädophile zu schützen. Währenddessen wartet Josef F. auf seinen ersten Auftritt vor Gericht. Und 95 akkreditierte Journalisten auf ihren Einlass. Die Zahl jener, die nicht ins Gerichtsgebäude dürfen, beträgt ein Vielfaches. Aktivisten verschiedener Gruppierungen, darunter auch Fahnen schwenkende Rechtsextreme, nützen die hohe mediale Aufmerksamkeit rund um den "Jahrhundertprozess", halten Plakate für Kinderschutz in die Kameras. Unter die Aktivisten hat sich auch Schauspieler Hubsi Kramar gemischt.

25 Polizeibeamte achten darauf, dass in dem Medienauflauf alles ordnungsgemäß abläuft. "Ich hoffe, dass es bis Freitag so ruhig bleibt", sagt Polizeidirektor Johann Schadwasser. Nicht die Ruhe, sondern das Getümmel hat Franz Deuschlinger in die Landeshauptstadt gelockt. Der 75-jährige Pensionist ist um 4.15 Uhr aufgestanden und aus dem Weinviertel in die Landeshauptstadt gefahren, weil er "einfach da dabei sein" wollte. Wie damals, bei der Unterzeichnung des Staatsvertrags, sagt er. In den Gerichtssaal habe er gar nicht gewollt.

"Live" aus dem Pressezelt

Unter den Presseleuten sind dagegen viele, die gerne der öffentlichen Verlesung der Anklage beigewohnt hätten, aber aus Platzgründen keine Akkreditierung erhielten. Sie müssen sich mit einer kurzen TV-Übertragung aus dem Gerichtsgebäude in dem auf dem benachbarten Parkplatz aufgebauten Pressezelt zufriedengeben. Als Josef F. um halb zehn in den Saal geführt wird, ist es eng in dem provisorischen Medienzentrum, Reporter und Fotografen steigen auf Sessel, um einen Blick auf den Flachbildfernseher zu erhaschen. 20 TV-Kameraobjektive sind auf den Schirm gerichtet, Moderatoren berichten "live" aus dem Zelt. Als der Angeklagte mit blauer Mappe vor dem Gesicht in den Saal geführt wird, murmelt ein englischer Journalist: "Gib die Mappe weg, gib die verdammte Mappe weg." Enttäuscht sei er, sagt er später.

Manche der Journalisten kommen direkt aus Winnenden, wo sie vom Amoklauf eines 17-Jährigen berichtet haben. "Das Medieninteresse war vergleichbar groß", erzählt ein norwegischer Journalist einer Kollegin ins Mikro. Die Nachrichten aus dem Gerichtssaal sind spärlich, Presseleute interviewen einander. Kurz wird es unruhig auf dem Parkplatz, eine Traube an Fotografen und Kameraleuten umzingelt eine Verwandte des Angeklagten, die in einen TV-Wagen gelotst wird. "Wir haben einen Exklusiv-Vertrag bis Donnerstag mit der Dame", erklärt ein Redakteur neugierigen Kollegen. Rund ums Pressezelt parken etwa 20 Übertragungswagen, ein Bäcker versorgt mit Kaffee und Gebäck, gegenüber gibt es Zuckerwatte. Der Süßigkeiten-Stand irritiert: "Schaut aus wie auf einem Jahrmarkt", sagt ein Reporter. (Gudrun Springer/DER STANDARD-Printausgabe, 17.3.2009)

    druckenweitersagen:
    posten
    22 Postings
    c k1
    17.03.2009 13:14

    Wenn die Tochter sieht und liest, wie ihr Schicksal gesehen wird, wie fremd und andersartig, exotisch muß sie sich wohl fühlen? Wie auf einem Jahrmarkt, diese Aussage ist wohl richtig.

    Megaphon des Todes 
    17.03.2009 09:55
    Krise sei Dank:

    endlich wieder mehr Mittelalter in der Neuzeit!

    Kräuterpfarrer Escobar
    17.03.2009 08:14
    Und dann wundert man sich, ...

    ... wenn in der Sun bereits Fotos von den Opfern veröffentlicht wurden und so ein hohes "Kopfgeld" auf solche Photos gestellt werden.

    Den ganzen Prozess hätte man an einem geheimen Zeitpunkt an einem geheimen Ort machen müssen und eine kurze Pressekonferenz nach der Urteilsverkündigung.

    Aber das, was sich hier im Moment abspielt, ist ja wirklich bizarr. Und, nicht der Fall selbst, aber der Umgang damit ist wirklich "typisch Österreichisch". Jetzt können sich wieder ein paar Provinzler gross aufpudeln vor der internationalen Presse.

    cannery row
    17.03.2009 13:07
    ..

    und wenn der prozess in wien wäre.. dann würden sich halt die wiener aufpudeln.

    ein mann und vater
    16.03.2009 22:57

    an stelle der richterin würde ich morgen einen blick auf den jahrmarkt werfen und umgehend auch die nachmittags-pressekonferenzen einstellen.

    nächste wortmeldung des gerichts: das urteil. unkommentiert.

    spielts aber leider nicht.

    ein mann und vater
    16.03.2009 22:01

    panem et circenses.

    paradeyugo
    16.03.2009 21:45

    One man's meat is another man's poison.

    Speedle 
    16.03.2009 21:44

    Dieser Jahrmarkt ist wohl ein "guter" Grund, die Presse auszuschließen.

    devil devil
    17.03.2009 12:58
    warum?

    weil die ihren job machen? Sie wollen ja anschließend auhc was lesen, hören oder sehen.

    Speedle 
    18.03.2009 00:26

    Was will ich lesen und hören??? Mich interessieren nur Fakten und dies auch nur bedingt.

    Boulevardgeschichten sind die Wohltat des einfachen Gemüts.

    ken_park
    16.03.2009 20:52
    'schaut aus wie auf einem jahrmarkt'

    passender vergleich, da wurden ja früher auch sogenannte 'monster' dem sensationslüsternen publikum vorgeführt..

    Alibaba126
    16.03.2009 20:51
    Die Aktionisten versuchen uaf dem Rücken der opfer Aufmerksamkeit zu erhaschen - das ist krank widerlich.

    ein mann und vater
    18.03.2009 09:37

    korrekt. die opfer werden ein weiteres mal mißbraucht, weil diese freaks ihr leid zu werbezwecken für ihre eigenen anliegen verwenden.

    THE MGT.
    16.03.2009 23:18

    Solche mag es auch geben. Andere werden den Medienrummel wohl nutzen, um auf die Opfer aufmerksam zu machen - vor allem auch auf die, die nicht in den Schlagzeilen sind, von denen noch garnicht bekannt ist, dass sie Opfer sind.

    Die Medien und die Öffentlichkeit stürzen sich auf das "F-Monster", ist ja auch nachvollziehbar. Der steht nun aber ohnehin vor Gericht. Jetzt wäre es wichtig, dass das Wegschauen bei häuslicher Gewalt, gegen Frauen und gegen Kinder, sehr deutlich geächtet wird. Darauf hinzuweisen bietet der Medienrummel in St. Pölten eine Gelegenheit - ob es aufgegriffen wird liegt an den Journalisten und ihren Chefredakteuren. F. bringt vermutlich die höheren Quoten ...

    A.B. Artig 
    16.03.2009 20:02

    Bin heute dran vorbeigegangen: dachte mir, das SEI ein Jahrmarkt, fröhlich anmutende Musik und Zuckerstangen. Etwas mehr Pietät hätt nicht geschadet.

    Quasis Herr Karl Infos zum Powerposten | 
    17.03.2009 09:59
    Das war früher bei öffentlichen Hinrichtungen auch so.

    A Gaudi, a Hetz. Wurde ein Dieb gehängt hatten die Taschendiebe im Gedränge leichte Beute.

    socram
    17.03.2009 08:03

    kann man sich von pietät was kaufen?

    A.B. Artig
    17.03.2009 19:16

    Ein bisschen Verstand. proibieren Sie es mal.

    Mag. R. Topfen
    17.03.2009 09:46

    die haider kollektion!

    ein mann und vater
    17.03.2009 08:26

    muss man immer etwas kaufen können?

    A.B. Artig
    17.03.2009 19:16

    wenn man deppert ist, will man es meistens.

    ferdo
    17.03.2009 09:13

    jo

    Die Kommentare von User und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.