Wenn zwei streiten, freut sich der Advokat

14. Oktober 2003, 14:52
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Zur Idee der Anwaltspflicht bei Scheidungen

In meiner Kindheit hingen in vielen ländlichen Gaststuben zwei altmodische Öldrucke zur moralischen Erbauung der Gäste. Der eine zeigte den Wildschütz mit dem erlegten Hirsch, während hinter der Fichte der Jäger hervortritt. Den anderen fand ich noch eindrucksvoller: Zwei Bauern streiten um eine Kuh, der eine hat sie vorn an den Hörnern gepackt, der andere zieht hinten am Schweif. Vor der Kuh sitzt ein schwarz gekleideter Herr mit Zylinder, der melkt die Kuh. Ein heimtückisches Grinsen verzerrt seine Züge.

Die Botschaft wurde von jedermann verstanden: Wenn zwei streiten und zu Gericht gehen, freut sich nur der Advokat. Die Botschaft war zeitlos: Nach der Kleidung der beteiligten Personen zu schließen, stammen die Wirtshauskunstwerke aus dem 19. Jahrhundert. In den vergangenen Jahrzehnten sind sie aus den Gaststuben verschwunden, das Bild ist verblasst. Doch die Standesvertretung der österreichischen Rechtsanwälte unternimmt zurzeit eine beträchtliche Anstrengung, um das alte Bild vom gerissenen Beutelschneider, der den Menschen das Geld aus der Tasche zieht, neu zu beleben.

90 Prozent aller Ehescheidungen in Österreich finden einvernehmlich statt. Dazu brauchen die Beteiligten keine/n AnwältInnen. Gelegentlich gibt es nachträglich juristische Probleme, aber das ist die Ausnahme. Wenn nun die RechtsanwältInnen verlangen, sie müssten in Zukunft in jedem Falle beigezogen werden und 1000 Euro kassieren, so ist das eine dreiste Geldbeschaffungsaktion und vergrößert die finanziellen Probleme, die ohnehin mit Scheidungen verbunden sind. Aber das wäre noch nicht das Schlimmste: Sollten sich die AnwältInnen durchsetzen, so vergrößern sie damit den seelischen Schmerz, der immer mit Scheidungen verbunden ist. Und das ist das Gemeinste an ihrem Vorhaben.

Denn die Einschaltung der/des Anwältin/Anwalts, sollte sie überhaupt sinnvoll sein, kann ja nur dazu führen, dass es in Zukunft weniger einvernehmliche Trennungen gibt. Es wird prozessiert werden, wo andernfalls eine gütliche Einigung möglich gewesen wäre. Und das alles im vorgeblichen Interes- se unmündiger, ahnungsloser Betroffener - eh klar. Wir erinnern uns an die zwei Bauern mit der Kuh und an den grinsenden Advokaten.

Selbstverständlich werden viele RechtsanwältInnen mit dieser Initiative ihrer Kammer nichts zu tun haben wollen. Aber einer hält die Idee für bedenkenswert: der Justizminister. Der hielt es auch für bedenkenswert, als Jörg Haider vorschlug, Oppositionelle einzusperren. Ein Sturm der öffentlichen Entrüstung hat damals diesen Vorschlag aus der Diskussion gefegt. Das wird wohl auch jetzt wieder passieren, auch wenn der Justizminister - wie das Leben so spielt - selber Rechtsanwalt ist. (DER STANDARD, Printausgabe 12.03.2003)

Kommentar der anderen von Peter Huemer
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