Die Frauen, nicht ihre Klischees fördern

4. April 2003, 15:02
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Beim STANDARD-
Montagsgespräch wagten Politikerinnen und Aktivistinnen eine Differenzierung in Sachen Frauenpolitik: Dass sie notwendig ist, bestritt niemand

Angesichts neuer Klischees von "Girlie-Frauen" oder reaktivierter Rollenbilder gebe es noch viel Arbeit. Erst wenn die geschehen sei, könne man die eigentliche Politik zur Frauenförderung umsetzen. Beim Montagsgespräch von Standard und Radio Wien gab es erste Vorschläge.

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Wien - Es ist wieder einmal eine Frage von den "Bildern in den Köpfen". Jene, die dort von "Frau in der Gesellschaft" herumspuken: Frauen, die ihre Männer bei Scheidungsprozessen ausbeuten. Frauen, die frei sein müssten von "emanzipatorischen Komplexen", wie kürzlich von den Freiheitlichen beschieden wurde. Frauen, die andererseits "immer so lieb sind". Frauen, die dank Werbung zu "so geschönten Menschen" stilisiert würden - und sich anschließend selber Essstörungen anzüchten, um den Werbebildern ähnlich zu sein. Eine neue Form der "Girlie- Diskriminierung", fasst Kabarettistin Dolores Schmidinger ihre Beobachtungen zusammen.

Die Diskutantinnen am Podium des Montagsgesprächs von Radio Wien und Standard zum Thema "Welche Frauenpolitik braucht Österreich jetzt?" waren sich einig: Erst wenn derlei immer wiederkehrende und ständig neu erfundene Rollenklischees überwunden seien, könne man die eigentlichen Probleme von Frauen angehen.

Für Eva Glawischnig, stellvertretende Parteichefin der Grünen, mache sich derzeit ein "Backlash" bemerkbar, wenn alte Rollenbilder von Politikern wiederbelebt würden. Insofern sei Politik für die Belange von Frauen keineswegs überholt, sondern "dringend notwendig und absolut modern", resümierte Wiens SPÖ-Frauenstadträtin Renate Brauner nach Jahrzehnten aktiver Frauenpolitik und wenige Tage nach dem "Internationalen Frauentag".

"Wahlfreiheit": Daheim oder "Arbeitskampf"

Wie künftig die Förderung von Frauen angelegt und damit auch die bestehende Einkommensschere zu den Männern reduziert wird, darüber gibt es zwischen den derzeit Regierenden und der Opposition naturgemäß differente Ansichten.

FP-Frauensprecherin Elke Achleitner betont, dass es ihrer Partei in der Frauenförderung um die "Wahlfreiheit und Selbstbestimmung" gehe. Es werde der FPÖ fälschlich unterstellt, dass sie Frauen am Herd und in der Familie sehe. Sie sollen sich entscheiden können, ob sie zu Hause bleiben oder einen Beruf ausüben wollen.

Wahlfreiheit - "eines meiner Lieblingsfeindworte", ärgerte sich Elfriede Hammerl, Expolitikerin des Liberalen Forums und Autorin. Die Wahl reduziere sich auf: "Frauen wollen den bezahlten Arbeitskampf oder lieber unbezahlt gemütlich zu Hause sitzen". Darum gehe es nicht, "die Frauen wollen beides", ergänzte Renate Brauner. Dafür müsse man Voraussetzungen (wie ganztägige Kinderbetreuung) schaffen.

Auch die Wiener ÖVP- Landtagsabgeordnete Ingrid Lakatha meint, dass eine "Frauenpolitik wirklich notwendig sei". Auch in der eigenen Partei, wie sie unumwunden zugibt. Allerdings ist in der Volkspartei die Frauenpolitik mit der Familienpolitik verknüpft - etwa mit dem Ansinnen von ÖVP-Politikern, die "Familie" in der Verfassung zu definieren.

Beim Vorwurf, dass die schwarz-blaue Regierung gleich zu Beginn der ersten Amtsperiode die "Betreuungsmilliarde" (bekannt geworden in der Bevölkerung als "Kindergartenmilliarde") zugunsten Berufstätiger abgeschafft habe, machte Lakatha geltend: Es sei stattdessen die "Behindertenmilliarde" eingeführt worden. Eine unwürdige Ausspielung einzelner Bevölkerungsgruppen, ärgerte sich Elfriede Hammerl.

Pläne der Regierung, die Gleichbehandlungskommissionen in "Antidiskriminierungskommissionen" umzuwandeln, stoßen ebenfalls auf Kritik. Es sei ein Unterschied, erklärte Hammerl, ob aktiv Gleichbehandlung verfolgt werde oder ob man sage: "Na ja, diskriminiert darf Frau nicht werden." Glawischnig und Brauner sprachen sich deshalb erneut für Frauenquoten aus. Wenn Wirtschafts- und Bauernbund per Quote Mitglieder in Gremien entsenden dürften, könne das für Frauen auch gelten. Zudem möge man "Gesetze erlassen, "die Männer zum Umdenken bewegen sollen", urgierte Dolores Schmidinger. Auch Förderungen für Unternehmen, die Frauen unterstützen, könnten helfen.

Im Publikum zeigte man sich über das Regierungsprogramm gut informiert und reichlich besorgt - etwa über die Reform des Pensionssystems inklusive längerer Durchrechnungszeiträume oder über die Umwandlung der Notstandshilfe des Bundes in Sozialhilfe (der Länderkompetenz). Standard-Innenpolitikredakteurin Martina Salomon wurde als Moderatorin mit Fragen des Publikums nach konkreten Maßnahmen und Auswirkungen bestürmt. Die Antwort blieben die Vertreterinnen der Regierungsparteien zum Teil schuldig: Es müssten erst Richtlinien festgelegt werden. Nicht alles, was angekündigt sei, werde auch so kommen. (Andrea Waldbrunner, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 12.3.2003)

  • Im Bild (v.l.n.r.): Elfriede Hammerl, Dolores Schmidinger, Ingrid Lakatha
    foto: standard/regine hendrich
    Im Bild (v.l.n.r.): Elfriede Hammerl, Dolores Schmidinger, Ingrid Lakatha
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