Aller Anfang ist besser

12. März 2003, 10:13
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Über die erstaunlichen Zusammenhänge von Mannerschnitten, Pistazien, Ferien und Samstag

Ich bin leider süchtig nach Pistazien, ja, die gerösteten, gesalzenen. Die, die man so schön in einer Bewegung öffnen und inhalieren kann, wenn man den Rhythmus erst gefunden hat, was so zwischen der 52. und 63. Pistazie passiert, allerdings auch erst nach ein paar Jahren Übung. Und in diesen Jahren der Schwäche und der Lust fiel mir immer wieder auf, dass jene Pistazien, die sich irgendwie schwer öffnen lassen, verwordagelt sind oder gar gänzlich verschlossen (das Schlimmste überhaupt!), immer am Schluss überbleiben, auch wenn man extra darauf bedacht ist, die komplizierten Fälle alle am Anfang zu knacken, dass einem dann nur mehr die pure Pistazien-Wollust übrig bleibt. Ist aber leider nicht, die Unlösbaren bleiben immer am Schluss über, man ist traurig und geht frustriert ins Bett.

Ein anderer, mysteriöser Zustand: Woran liegt es, dass die beiden Mannerschnitten der zweiten Reihe, also jene, die aus der aufgebrochenen Packung neckisch hervorlocken, und mit denen man den Mignon-Verzehr normalerweise beginnt (geht es rein technisch überhaupt anders?), immer am frischesten, köstlichsten, nussigsten, un-bröseligsten und überhaupt supersten schmecken? Sie wurden in einem Stück gefertigt und erst mit diamantenen Schneidegeräten oder per Laserstrahlen, was weiß denn ich, in die zehn kleinen Schnitten end-zerkleinert. Aber dennoch: Die letzten zwei sind gegen die ersten, die da so lüstern aus der Packung ragen, kein Vergleich. Hmm. Und außerdem ist der Samstag immer irgendwie besser als der Sonntag, und der Juli war früher immer der viel tollere, heißere und lässigere Ferien-Monat als der August (was sich interessanterweise auf der Uni dann insofern verändert hat, als der August dann durchaus aufzuholen vermochte).

Für all diese Phänomene hat's eine einfache Erklärung, glaub ich, die irgendwo im Sicherheits- und Sammel-Zentrum unseres (meines) Hirns verankert liegt: Am Anfang, wenn man noch alles vor sich hat, ist's immer irgendwie besser als am Schluss, wenn's zur Neige geht und man beginnt, panisch zu werden und die Verlustangst zu spüren. Das grüne Twinni ist also wahrscheinlich deshalb besser als das orange, weil man immer, seit jeher und nach überlieferter Tradition mit dem grünen begonnen hat und sich der Gewissheit sicher sein konnte, eh noch das orange im Papierl zu haben; die Vorspeisen und Amuses Gueules im Restaurant wären vielleicht gar nicht so viel raffinierter und kreativer als die Hauptspeisen, wenn man sie nur in der umgekehrten Reihenfolge essen würde (glaub ich jetzt persönlich eigentlich nicht, aber wurscht, es passt in die Theorie); der Samstag ist nicht nur deshalb besser als der Sonntag, weil die Geschäfte und der Naschmarkt offen haben und mehr Parties stattfinden, sondern weil danach der Sonntag kommt und nicht der miese Montag, selbes traf auf den Ferien-Juli zu und trifft noch heute auf den Sommer-Juni zu ­da hat man alles noch vor sich, heißa!

Ich meine, dass wirklich reiche und dekadente Menschen, für die quasi immer Juni ist, wahrscheinlich auch nur die ersten zwei Schnitten einer Manner-Packung essen und den Rest dann wegwerfen. Nur: Die letzten Pistazien in der Packung sind definitiv trotzdem immer wurmig, verschlossen oder sonstwie minderwertig, auch, wenn man überhaupt nicht beeinflussen kann, welche der Nüsschen da jetzt als erstes und welches als letztes durch die Öffnung flutscht ... Komisch, ich glaub, es braucht eine neue Theorie.

Von Florian Holzer
  • Artikelbild
    foto: montage derstandard.at
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