Adieu, Fernseher!

11. März 2003, 19:22
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11.3.2003 - Sein Weg endete am Mistplatz, er machte einem Gerät mit Flachbildröhre Platz

Was er jetzt wohl gerade machen wird? Ist ihm kalt? Werden sie ihn gut behandeln? Wohl eher nicht. Groß ist meine Schuld: Montagmorgen habe ich mich meines alten Fernsehgerätes entledigt.

Sein Weg endete am Mistplatz im 20. Bezirk. "Stellen Sie ihn hinten ab", meinte der Verwalter. Ich tat, wie geheißen und setzte ihn - er war ja so leicht! - neben einem riesigen Müllberg ab. Beim Weggehen warf ich einen Blick zurück - und was ich sah, lässt mich seither an nichts anderes denken als an meine große Schuld ihm gegenüber. Einsam wirkte er, und - daran besteht kein Zweifel - er sah mich an. Er sah, wie ich fortging, ihn alleine ließ. Und warum? Nur, weil er alt war? Wie ich mich dafür schäme.

Sicher, das neue Gerät mit Flachbildröhre, schickem Design und allem möglichen Pipapo, wurde uneingeschränkt als vollwertiges Familienmitglied aufgenommen. Und, ja, wir schlafen abends nicht schon nach zehn Minuten vor der "Kiste" ein, wie früher. Und, ja, wir lieben neuerdings Naturdokus. Das schlechte Gewissen gegenüber dem alten mildert das dennoch nicht.

Umgekehrt: Er war alt, die Bildröhre kaputt, die Fernbedienung ebenso. Und es schien die Sonne. Irgendwie, meine ich, war es an der Zeit. Drum sag' ich denn: Adieu, treuer Freund, im Fernsehhimmel sehen wir uns wieder!

Was allerdings der Bagger mit ihm angestellt hat, der sich in Bewegung setzte, kurz nachdem ich die Autotür zuschlug, will ich mir offen gestanden nicht in meinem schlimmsten Albtraum vorstellen. (prie/DER STANDARD, Printausgabe vom 11.3.2003)

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