Das Abschütteln von Kafkas Fesseln

12. März 2003, 22:16
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Neue Wege mit den rätselhaft klaren Texten Kafkas umzugehen, zeigt ein Barrie-Kosky-Abend im Schauspielhaus

Die rätselhaft klaren Texte Kafkas werden in Film, Theater und Literatur oft zu simplen Mustern. Ein Barrie-Kosky-Abend im Schauspielhaus geht, manchmal auch stolpernd, andere Wege: Er kombiniert verrottete Leben mit der Sehnsucht der Musik.


Wien - An Kafka sind fast alle, die seine in strahlend reiner Sprache dargebotene Sumpfwelt in andere Medien stellen wollten, gescheitert - inklusive Orson Welles mit seiner vereinfachenden Process-Verfilmung. Der Kafka-Abend Der verlorene Atem im Schauspielhaus scheitert nicht. Schon weil Regisseur Barrie Kosky mit gar nichts anderem zu tun haben will als mit Scheitern, mit einer Welt des Unterliegens, aus denen Kafkas Texte wuchsen: Jüdisches, Jiddisches, Auswanderer, Sehnsuchtsgetriebene.

Im Schauspielhaus: keine schulfunkartige Aufbereitung kanonisierter Texte (In der Strafkolonie, Die Verwandlung, Ein Hungerkünstler), sondern deren Übersetzung, Auflösung in Musik, komplizierte Aufschichtungen von Welten. Und das geht so: In der Strafkolonie - Urteile werden in die Körper hineingestochen - entstand im ersten Weltkrieg. Allzu nahe liegend wäre es, "Krieg" zu betonen. Aber dieser Abend zeigt tiefer liegende Kontexte, kulturelle Konflikte. So denjenigen des jiddischen Theaters, in dessen schäbige, für aufgeklärte Westjuden sehr fremdartig-armselige Darbietungen sich Kafka 1912 in Prag verliebte.

Im Schauspielhaus steht ein Kasten, daran gefesselt Rudolf Kafimi. Er führt zunächst ein Entfesselungskunststück vor. Das historische Vorbild dafür: Harry Houdini, Sohn eines gescheiterten Rabbiners, der 1876 nach Amerika ausgewandert war. Für den Entfesselungskünstler war die Befreiung das Abenteuer, nicht die Freiheit. Diese wurde gleich wieder bedroht - von Gewalt: einige Sätze aus der Strafkolonie, die einzigen Originalzitate des Abends. Dazu Sprachbrocken: Jiddisch, auch Hebräisch. Ist der Kasten die Bundeslade?

Noch besser die zweite Szene, die Verwandlung der Verwandlung: Hier wird nicht vom in den Käfer verwandelten Gregor Samsa aus erzählt, sondern von der Familie her, die ihn dazu treibt. Zu sehen ist die Familie vor dem Kasten - das sie bedrohende Fremde im Eigenen (sofern "Familie" wirklich etwas Eigenes ist) verdrängen sie: durch Gesang, Smalltalk, Tanz (Beatrice Frey, Tania Golden, Yehuda Almagor, Melita Jurisic). Und da Kafkas Käfer schon längst in die Populärkultur einging, ist es klug, solche zu zitieren: Florian Carove tanzt im "Superman"-Kostüm.

Dann schwappte die Musik (und auch das übermächtige Vorbild Marthaler) über: Die Sehnsucht des Hungerkünstlers, kombiniert mit Assimilationssehnsucht, akustisch vermittelt in Schumann- und Schubert-Liedern: Kosky ist ein ausgezeichneter Pianist. Ein Glück, dieser Bösendorfer. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.3.2003)

Von Richard Reichensperger
  • Artikelbild
    foto: n. mangafas / schauspielhaus
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