1:0 für Anleihen

10. März 2003, 17:28
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Börsenmalaise oder Nichts ist mehr wie es vorher war - Gastkommentar von Michael Margules

Mit der Baisse ist die alte Grundregel der Anlageberater, dass Aktien langfristig Renten schlagen, in Misskredit geraten. In den Zeiten des Booms schien diese Weisheit selbstverständlich zu sein – dass sie in Japan schon lange nicht mehr zutraf, wurde auf die Besonderheiten des Marktes dort geschoben. Der Theorie nach müssten Aktien besser laufen, weil Anleger für höhere Risiken auch höhere Renditen fordern sollten. Aber in der Praxis schwankt der Aktienmarkt zwischen Gier und Angst – ob sich dabei das durchsetzt, was einer rationalen Überlegung entsprechen würde, ist keineswegs gewiss.

Anleihen schlagen Aktien

Zum ersten Mal seit dem Zehnjahreszeitraum bis Ende 1978 haben festverzinsliche Papiere eine bessere Performance abgeliefert als Aktien, berichtet die amerikanische Consulting Firma Ibbtoson Associates. In den 77 fortlaufenden Zehnjahreszeiträumen seit 1926 haben US-Staatsanleihen nur achtmal die Aktien geschlagen, am häufigsten während der schlimmsten Baisse-Phasen in den dreißiger und siebziger Jahren. In den USA haben Anleger mit US- Staatsanleihen in den zehn Jahren bis Ende 2002 mehr Geld verdient als mit amerikanischen Aktien. Während der Standard & Poor's 500-Index in dem Zeitraum im Schnitt um 9,3 Prozent jährlich zulegte, fuhren Treasuries mit einer Laufzeit von 20 Jahren eine Rendite von 9,7 Prozent pro Jahr ein.

In Europa ergibt sich ein ähnliches Bild: Anleihen konnten ebenfalls gegenüber den Aktien markant aufholen. Der Morgan Stanley Capital International Index europäischer Aktien legte in den letzten zehn Jahren 8,3 Prozent jährlich Jahr zu, während ein Index europäischer Staatsanleihen von Salomon Smith Barney 7,1 Prozent gewann. In Japan sah es wenig verwunderlich nach 13 Jahren Börsen-Talfahrt für die Bonds noch besser aus. Der MSCI Japan-Index hat in den letzten zehn Jahren drei Prozent jährlich eingebüßt, während Staatsanleihen eine jährliche Rendite von 5,2 Prozent einbrachten.

Langfristig haben Anleihen nur selten die Nase vorne

In Aktien zu investieren, war im Laufe der Zeit mal angesagt und mal nicht. 1924 argumentierte Edgar Lawrence Smith in seinem Buch "Common Stocks as Long Term Investments", dass Aktien sich besser entwickeln als Anleihen, weil die Unternehmen einen Teil der Gewinne einbehalten. Das führe wiederum zu höheren Gewinnen und Dividenden, was den Aktienkurs nach oben treibe. Das Buch war einer der Auslöser für einen beispiellosen Bullenmarkt. Dieser fand ein jähes Ende, als der Dow Jones Industrial Average 1929 um 89 Prozent einbrach. Die Treasuries schlugen die US-Aktien in den Zehnjahreszeiträumen bis Ende 1937, 1939 und 1940.

Bis Ende 1949 herrschte die Meinung vor, dass Aktien „äußerst spekulativ und unsicher" sein, berichtete der Finanzprofessor Benjamin Graham in seinem Buch "The Intelligent Investor". Graham, der frühere Mentor des Millliardärs und Investmentgurus Warren Buffett, führte an, dass Aktien im Gegensatz zu Anleihen einen Schutz gegen Inflation bieten. Graham plädierte dafür, etwa 50 Prozent ihres Portefolios in Aktien zu halten. Seither haben die US-Aktien die US-Staatsanleihen abgehängt. Ausnahmen sind die Zehnjahreszeiträume bis 1974, 1977 und 1978. Damals drückten der Ölpreisschock, der Vietnam-Krieg und der Watergate-Skandal auf die Aktienkurse. Noch stärker brach Professor Jeremy J.Siegel in seinem Werk „Stocks for the Long Run“ (s)eine Lanze für Aktien, in dem er grundsätzlich Investoren zu Aktien und dabei zu einer langfristig ausgelegten „Buy and Hold“-Strategie riet, die bis zum Wendepunkt 2000 sich auch tatsächlich bewährte.

Tiefpunkt erreicht?

Wenn Aktien auf Dauer niedrige Renditen abliefern, dann ist klar, dass die durchschnittliche Börse eine langweilige Veranstaltung ist, die sich als Seitwärtsbewegung mit nur unmerklich steigender Tendenz zeigt. Vor diesem Hintergrund ist die heutige Börsensituation gar nicht so schlecht. Sie spiegelt in etwa das wider, was der Aktienmarkt zu leisten vermag. Die Angst vor dem Absturz in eine völlig irrationale Baisse ist gebannt. Euphorie, die doch nur eine neue Kursblase erzeugen würde, ist auch nicht zu spüren. Stattdessen schauen die Anleger wieder auf die Bewertungen, lassen sich von modernen Märchen nicht betören und überwinden allmählich den Blick zurück auf die einstigen Hochstände. Es gilt wieder der simple Grundsatz, dass Aktien an den geschäftlichen Aussichten der Unternehmen gemessen werden und sonst nichts.

Fragt sich bloß, wo das langfristige Gewinnwachstum herkommen soll, das die Börsen benötigen würden, um wieder nach oben durchzustarten. Zwar wirken europäischen wie auch vielleicht erstmals japanische Aktien mittlerweile einigermaßen angemessen bewertet, so sehen die entsprechenden Kennzahlen für die amerikanischen Märkte jedoch noch immer ambitioniert aus. Das gibt den Aktien - abgesehen von technischen Kurserholungen - wenig Fantasie. Anleger dürften sich weiter eher für Anleihen interessieren, vor allem wenn der liquide Atem und damit Horizont ausreicht, auf die Endfälligkeit zu warten!

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Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
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