"Nolde"-Kunstfälscher betrog in großem Stil

13. Jänner 2004, 13:34
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Verdächtiger wurde in Deutschland verhaftet - Suche nach möglichen Komplizen und Opfer der Fälscher

Wien - Der Verkäufer gefälschter Aquarelle des Expressionisten Emil Nolde, der 49-jährige Deutsche Gerhard P., befindet sich seit vergangenem Dezember in Haft, doch die Ermittler suchen nach Komplizen. "Wir prüfen, ob er das allein gemacht hat oder ob es Mittäter gibt", hieß es Montag, bei der Staatsanwaltschaft München. Konkreter waren die Ermittler in Wien: "Es geht darum: Wer ist der eigentliche Fälscher?", erklärte Dr. Walter Czapek vom Polizeikommissariat Brigittenau, Außenstelle Leopoldstadt.

Offenbar waren Gerhard P. und Mittäter seit Jahren aktiv. Experten gehen davon aus, dass neben den bisher sichergestellten 13 Aquarellen noch weitaus mehr gefälscht und verkauft wurden. "Es gibt umfangreiche Ermittlungen. Wir wissen nicht, wie lange das zurückgeht", so die Münchner Staatsanwaltschaft. In Österreich wurden bisher sechs Bilder sichergestellt, weitere zwei wurden in Zürich entdeckt. Fünf beschlagnahmten die deutschen Behörden.

Möglich, dass noch Dutzende Fälschungen unentdeckt im Umlauf sind

Es scheint durchaus möglich, dass noch Dutzende weitere Falsifikate unentdeckt im Umlauf sind. Die Fälschungen sind so perfekt, dass sie praktisch nur bei der Nolde-Stiftung Seebüll bei Neukirchen in Schleswig-Holstein entlarvt werden können. Der mittlerweile verstorbene Professor Martin Urban hat für jedes Bild von Nolde drei Expertisen ausgestellt. Je zwei davon sind bei der Stiftung hinterlegt und katalogisiert, während die dritte zusammen mit dem jeweiligen Bild sich in Umlauf befindet, erklärte Czapek, federführend bei den langwierigen Ermittlungen in Österreich.

Der durch den Fall zum Experten avancierte Polizeijurist betonte auch, dass es völlig normal sei, die Aquarelle anzuzahlen, wie im Fall des Wiener Dorotheums geschehen. "Damit bekundet man das echte Interesse an den Bildern. Und es ist eine besondere Sache, einen Nolde anbieten zu können", sagte Czapek.

Aquarelle befinden sich in München

Die Identifizierung der beiden Fälschungen von Werken Emil Noldes, die im Herbst 2001 im Wiener Dorotheum zur Auktion eingebracht worden waren, habe mehrere Wochen gedauert. So erzählte Patricia Maydell, Expertin im Dorotheum. "Die Nolde-Stiftung in Seebüll brauchte für ihre hausinterne Recherche so lange". Eine große Schwierigkeit habe auch im Umstand gelegen, dass es "für die Aquarelle Noldes leider kein Werkverzeichnis gibt". Derzeit befinden sich die Fälschungen bei der Staatsanwaltschaft München.

Überzeugende Expertise

Nach der ersten Überprüfung der Aquarelle "Tiefstehende rote Sonne über blauem See" und "Gelbe Sonnenblumen" durch Kunsthistorikerin Maydell hatte der seit Dezember 2002 inhaftierte Gerhard P. einen Vorschuss von 32.700 Euro erhalten. "Die Bilder schienen echt zu sein. Und wir hatten ja alle Daten des Einbringers, seine Adresse und eine Kopie seines Reisepasses". Überzeugend habe auch die Expertise des zwischenzeitlich verstorbenen Experten von der Nolde-Stiftung, Martin Urban, gewirkt. Als bei der weiteren Recherche wegen eines unkorrekten Datums auf der Expertise sich doch Zweifel eingestellt hatten, schickte Maydell die Werke samt Gutachten zur Nolde-Stiftung nach Sebüll.

Urban hatte sich damals aber auf Reisen befunden und war nicht zu erreichen gewesen. Erst Wochen später war klar, dass die Bilder Fälschungen sind. Seither ermitteln die österreichische und deutsche Polizei nach möglichen Komplizen der Betrügers. (APA)

Link

Nolde-Stiftung Seebüll

Mögliche Geschädigte werden gebeten sich zu melden:

Ansprechpartner ist das Polizeikommissariat Brigittenau, Außenstelle Leopoldstadt unter der Wiener Telefonnummer (01) 21128/6260 DW (Czapek) oder 6113 DW (Journaldienst).

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