Zwischen den Welten

16. März 2009, 18:51
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    foto: reuters/caronna

    Es gibt nur noch einige hundert Geishas in Japan. Die Gesellschafts-damen unterhalten mit Tanz und gesitteter Konversation in einem Land, das moderner nicht sein könnte.

Vor mehr als 150 Jahren wurde das Kaiserreich Japan gewaltsam für den Westen geöffnet. Fremd sind sich beide Kulturen seither dennoch geblieben - ein Bericht über Schuld, Scham und die Tücken von Sake-Bars

Tokio/Wien - Das "T-Wort" bringt den Wirt in echte Rage. Beleidigt klemmt der spindeldürre Mann seine Sake-Flaschen unter den Arm, die Zigarette im Mundwinkel glüht warnend auf. Was wollen die Gaijin? Meinen Sake kosten? Als ob es der letzte Fusel wäre? Kehrtwende. Abgang. Wiederschauen.

Die im Umgang mit Gastwirten grundsätzlich gebotene Vorsicht scheint in Japan besonders angebracht. Nur dem Geschick mitreisender Diplomaten hatte es das Fähnlein wackerer Österreicher zu verdanken, dass es an diesem Abend nicht hochkant aus dem abgewetzten Etablissement hinaus auf Kiotos Vergnügungsmeile flog. Sie vermochten dem strengen Schankmann beherzt zu verdeutlichen, dass das Wort "Test" nicht generell Zweifel an seiner Ehre und im Speziellen an der Qualität seines Reisschnapses bedeutete.

Den auch nicht eben auf dem Mineralwasser dahergeschwommenen Ausländern, "Gaijin", gelang es im Laufe eines doch längeren Abends zwar noch, den Wirten sogar zu so etwas wie einem milden Lächeln zu bewegen. Aber fremd blieb man einander auch noch nach dem Begleichen einer stattlichen Rechnung: Lost in Translation, zwischen den Welten - so begegnen einander Japaner und Westler seit der gewaltsamen Öffnung des Kaiserreiches durch vier US-amerikanische Fregatten in den Jahren 1853/54.

Scham- gegen Schuldkultur
Das Staunen über die anderen Sitten beginnt für Japanreisende meistens schon frühmorgens. Pünktlichkeit ist gnadenloser Tugendterror in Nippon. Die Japaner überlassen nichts dem Zufall, schon gar nicht den Lauf der Zeit. Es gibt einen Plan. Und der ist auf das pünktlichste einzuhalten - nicht so sehr, weil es an Flexibilität mangelte, viel mehr weil es als außerordentlich unhöflich gilt, jemand anderen in eine peinliche Situation zu bringen.

Sich zu schämen, an öffentlicher Wertschätzung einzubüßen, ist das Schlimmste, was Japanern passieren kann. In der christlich geprägten Schuldkultur - zumindest in ihrer katholischen Ausprägung - lässt sich jede noch so große Schweinerei diskret beichten und der Sünder ist aus dem Schneider. In der Schamkultur Japans muss jeder öffentlich für sein Versagen gerade stehen. Als Sühne für die Schande und zur Wiederherstellung der verletzten Ehre ist Harakiri, oder Sepukku, wie das Ritual der Selbsttötung in feineren Worten heißt, schon seit gut 100 Jahren verboten. Dafür kommt es heute schon einmal vor, dass sich Bankvorstände in Tränen aufgelöst vor laufenden Kameras für Fehlinvestments und Verlustzahlen entschuldigen.

Wer also einen Wirt um einen aus Gaijin-Sicht läppischen "Test" bittet oder von den Japanern verlangt, sie mögen doch ihre schändlichen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg einbekennen, muss gewärtigen, was ein solcher Gesichtsverlust für sie bedeuten würde.

Japanische Werte
Disziplin, Pünktlichkeit und Zurückhaltung also sind japanische Werte. Die soziale Kontrolle ist hoch in Nippon, der Uniformitäts- und der Leistungsdruck detto. Die Fließband- und Bürosamurai erfüllen in einer vom mächtigen Handels- und Industrieministerium MITI durchgeplanten Ökonomie eisern ihre Pflicht - und vergessen darüber beinahe aufs Leben.

Daraus ergibt sich das größte Problem für Japan: Das Land altert so schnell wie kein anderes. Der Anteil der über 65-Jährigen liegt bei mehr als 21 Prozent (in Österreich sind es 16 Prozent). Das Bevölkerungswachstum ist negativ, jede Frau bekommt im Schnitt nur noch 1,23 Kinder. Das Problem ist selbst für Wirtschaftsbosse schon so virulent - wer soll denn in einer so überalterten Gesellschaft noch konsumieren? -, dass sie ihre Mitarbeiter zu sogenannten "Sayonara-Überstunden" auffordern. Übersetzt heißt das, dass sie gefälligst nach Hause gehen sollen, um sich um ihre Fortpflanzung zu kümmern - "ich erwarte diesbezüglich ihre Kooperation", ordnete etwa der Vorstandschef von Nippon Oil, Shinji Nishio, auf einer Belegschaftsversammlung an.

Bis die Sayonara-Überstunden allerdings Früchte tragen, wird an technischen Behelfen gearbeitet. Erst unlängst erfanden japanische Ingenieure einen Roboteranzug, der die müden Knochen alternder Bauern bei der Feldarbeit unterstützen soll. Und Honda, dessen Roboterdivision am Androiden Asimo forscht, rechnet mit einer Verwendung seines Roboters für Hausarbeiten und dergleichen. Takao Aoki, ein Honda-Sprecher, ist sogar der Ansicht, dass "unser Unternehmen in 50 Jahren mit Robotern in einer alternden Gesellschaft mehr verdienen kann als mit dem Autobau".

Japan ein Zukunftsmodell? In den 1980-er Jahren hätten viele im Westen noch emphatisch zugestimmt. Heute ist die Sicht der Dinge etwas differenzierter, obwohl viele Indikatoren - wie Überalterung und gesättigte Märkte in Industriestaaten - geradezu dafür sprächen. In der letzten Szene von Sofia Coppolas "Lost in Translation" umarmen die Protagonisten einander mitten in Tokio. So gesehen lernen immerhin die Westler in der Fremde ihre eigene Welt besser kennen.( Christoph Prantner; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.03.2009)

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24 Postings
me!
02
17.3.2009, 14:32
Von den im Artikel erwähnten Vorurteilen...

... merke ich eigentlich relativ wenig...

STIHL 026
13
17.3.2009, 12:56

wenn man sich halbwegs unverkrampft benimmt, und sich auf das land und seine besonderheiten ohne vorurteile einlässt, lernt man auch und gerade in japan sehr freundliche, neugierige und humorvolle menschen kennen. und dass man als gast nicht gleich als erstes oberlehrerhaft auf politische und historische verfehlungen hinweist, versteht sich ohnehin von selbst. doch das gilt eigentlich für jedes andere land auch.

das aufregende an ostasiatischen ländern wie japan ist, dass man sich dort kulturell wie auf einen fremden planeten fühlt, ohne gleichzeitig auf die vorzüge westlich-moderner technologie und infrastruktur verzichten zu müssen. mehr noch: in diesen bereichen sind sie dem westen nach wie vor um jahre voraus.

Mark Syl
00
17.3.2009, 09:23
hm

sehr lustiger buchtipp hierzu: "Warum Japaner nerven".... keine Ahnung, warum der in Japan lebende Deutsche, der das Buch geschrieben hat, überaus beliebt ist, ja sogar ein Star ist in Japan. Er schreibt witzig und vieles ist entspricht wohl annäherend der Wahrheit, aber manchesmal geht er doch sehr sehr weit. Sehr amüsantes Buch...

Klaus Stiefel
21
17.3.2009, 14:27
Ich lebe seit 2 Jahren in Japan

und stimme diesem Buch und auch dem Artikel in vieler Hinsicht zu.

Ich habe in 4 Landern gelebt, schon viele bereist, und das auch fast immer ausserhalb der Touristenzentren, und es immer leicht gefunden Freunde zu finden und mich in eine fremde Kultur einzuleben. Nicht so in Japan.
"soziale Kontrolle ist hoch in Nippon, der Uniformitäts- und der Leistungsdruck detto"
Ganz genau. Ich kenne kein annaehernd so konservatives, verkrampftes und konformistisches Land wie Japan. Zwischenmenschliche Beziehunge, kreatives Denken und einfach die Freude am Leben leiden sehr unter der hiesigen Kultur. Die Leute arbeiten sich aus Pfllichtbewusstsein krank und manchmal sogar tot ("Karoshi").
Kein Vorbild fuer das individualistische Europa.

Klaus Stiefel
00
17.3.2009, 23:54
Vieleicht zur Illustration einige Beispiele

... ein Kollege, bei mir zuhause zu Gast, wechselt den ganzen Abend kein Wort mit mir, trotzt wiederholter Versuche meinerseits auf Japanisch eine Unterhaltung zu beginnen. Die Schuechternheit gegenueber einem Auslaender und jemandem ueber ihm in der allgegenwaertigen Job-Hierachie war zu gross.

... ich kann wegen einer Taetowierung in Japan keinem Fitness-Studio beitreten.

... Immobilienanzeigen mit dem Vermerk "keine Auslaender" sind in Japan keine Seltenheit.

... Japanische Frauen in hoeheren Positionen sind an dem Forschungsinstitut, an dem ich arbeite, nicht zu finden.

Meiner Meinung nach hat Japan einfach die gesellschaftlichen Veraenderungen, die im Westen um 1968 herum passiert sind, komplett versaeumt.

Nikolai Shostakovich
01
17.3.2009, 11:29
diesen autor als star

zu bezeichnen ist sein persönliches wunschdenken... ich kenne den Herrn persönlich (christoph neumann). ist einmal in einer tv-show aufgetreten (gaijin machen japanisch-sprech wettbewerb - die show findet ständig mit neuen leuten statt - wer kann sich noch an star xz aus der millionenshow erinnern?) ich finde das buch ziemlich schlecht, christoph lebt zwar schon lange in japan, hat aber den kulturunterschied nie begriffen!

nobunaga
00
17.3.2009, 17:36
kann dem nur beipflichen

ich kenne ch. neumann auch persönlich und habe den eindruck, dass er es in d-land nicht ausgehalten hat, und jetzt ein ähnliches problem in japan hat. manche leute glauben hat sie wissen alles besser, und das kommt in keinem land gut an.
"koko ga hen da yo, Nihonjin" ist eine schreckliche Sendung - und ch. neumann hat dort gut hingepasst.
ich habe selbst acht jahre in japan gelebt und es sowohl sehr genossen, aber war natürlich auch öfters genervt, aber welches land hat nur vorteile?
mit etwas höflichkeit, humor und "sich selbst nicht zu wichtig nehmen" kommt man mit japanern sehr sehr gut aus, und kann viel spaß haben (vor allem in Kansai!)

Der Argonaut im Kosmokrator
01
17.3.2009, 16:45

Naja, eine Zeit lang ist er halt auch bei "Koko-ga hen dayo, Nihonjin" aufgetreten... und das kann einem dann schon ein bisschen zu Kopf steigen, wenn man einer von vielen ist, die zusammen mit Takeshi Kitano vor der Kamera stehen. ;-)

STIHL 026
20
17.3.2009, 10:03
ein furchtbares buch

es sollte besser "warum deutsche nerven" heißen.

C.Schmitt
00
17.3.2009, 12:54

warum hast dann die alte stihl av 26 von deinem opa im keller stehen?

Der Argonaut im Kosmokrator
04
17.3.2009, 09:45

Hab das Buch nicht besonder gut gefunden... ganz besonders nach einem "Reality Check" vor Ort. Wenig empfehlenswert weil voller Klischees und extrem euro- bzw fast ausschließlich germanozentristisch.

Der Herr Neumann regt sich darin über sehr weite Strecken über Nichtigkeiten auf, dass ich oft wirklich nicht gewusst habe, warum er das überhaupt in seinem Buch erwähnt.

Mark Syl
00
19.3.2009, 13:30
hm

sehr interessante antworten. ich kenne den herrn natürlich nicht. auch mir kam vieles übertrieben vor, wobei ich selbst eine japanerin sehr gut kenne, die zu 90% in dieses buch zu passen scheint. würde gerne mal diesen kulturschock kennenlernen. das buch ist trotzdem lesenswert, wobei ich mir oft gedacht habe beim lesen, schriebe er dies über Österreich (könnte man ja locker), sie würden ihn steinigen und aus dem Land schmeissen

Jürgen Rembremerding
13
17.3.2009, 02:00
Interessanter und schöner Artikel

Ich mache mir umgekehrt manchmal am Wochenende das Vergnügen, mich in den Kölner Dom zu setzen und den Touristen zuzuschauen, von denen manche (übrigens auch viele muslim. Touristen!) wohl erstmals einen christlichen Sakralbau betreten. Die Japaner fallen auf: Auch hier immer pflichtbewusst, mit Führer in der Hand oder überhaupt in der geführten Gruppe.

Sie machen aber trotzdem oft Fehler: Z.B. lassen sie häufig die Kopfbedeckung auf und werden prompt von den Domschweizern gerügt. Dann sieht man, wie sie sich wirklich weitaus mehr schämen, als es die Sache wert ist, die für uns mit der Ermahnung abgetan ist, aber den Japanern wirklich nachhaltig peinlich ist.

So kann man schönes Kino haben, ohne Eintritt bezahlen zu müssen!


gelegentlich heiter
00
17.3.2009, 09:16
Amüsantes Posting! Danke!

Drago+
01
16.3.2009, 21:58
..

Fremdheit zwischen den Kulturen besteht, das merkt man auch an den Touristen aus Japan, wo es heißt: Distanz halten. Das mag durchaus Teil der japanischen Kultur sein, aber unsereiner bekommt doch das Gefühl einer Befremdheit bis hin zur Beleidigung ihrerseits, wenn man so einfach auf sie zugeht. Ich meine, es gibt nicht so viele Japaner hier in Österreich, und nicht dass sie jetzt irgendwelche Exoten sind, aber sie sind interessant, und man möchte sie kennenleren, mit ihnen quatschen und tratschen usw. Aber das ist anscheinend doch nicht so leicht...

Lukas Chen
00
17.3.2009, 14:53
Japaner sind in Wien leicht zu finden

Sicher gibt es eine japanische Botschaft in Wien. Dort arbeiten bestimmt viele Japaner. Japaner sind zurueckhaltend, also muss man selbst ein gespraech mit einem Japaner einfuehren. Quatschen und tratschen haben die Japaner auch gern, besonders nach einigen Sake und mit einem Freund.

yokozuna
01
16.3.2009, 20:50
Schon wieder "Geisha"

Kann man gefälligst andere Bilder bezüglich Japan anbieten ausser Geisha und Sushi?

ilrio xxxxx
 
10
17.3.2009, 09:12
ja sicher ...

madame butterfly oder hiroshima und nagasaki.

Gernot H
03
17.3.2009, 00:39

Richard Chamberlain?

Noussom Dakkor
03
17.3.2009, 08:50

solang's kein foto von tom cruise als samurai ist, bin ich mit allem zufrieden...

ps3lover
01
16.3.2009, 22:00

Ihre Ausdrucksweise scheint den Schluß nahezulegen, daß Sie Deutsch anhand Plauts "Japanischer Konversations-Grammatik" erlernt haben, denn Sie sind gewiß ein freundlicher Mensch.

hellfast
00
16.3.2009, 21:35

sumo ringer?

Drago+
00
17.3.2009, 00:00

Toyota.

invodaseibua
13
16.3.2009, 19:20
Kompliment

Sehr guter Artikel!

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