Spuk

16. März 2009, 18:21
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Dass sich der Chefredakteur der "Wiener Zeitung" in der Rolle des Don Quichotte eines rabiaten Neoliberalismus gar so gut gefällt, wäre von keinerlei Bedeutung ...

Dass sich der Chefredakteur der "Wiener Zeitung" in der Rolle des Don Quichotte eines rabiaten Neoliberalismus gar so gut gefällt, wäre von keinerlei Bedeutung - und schon gar nicht für die politische Ökonomie -, machte er bei diesem Treiben nicht das Organ der Republik zu seiner Rosinante. Um sich für diese Aufgabe immer aufs Neue zu wappnen, nimmt er nicht nur den täglichen Windmühlenkampf der Tagebuchführung auf sich, sondern auch noch beschwerliche Ausritte, deren Schilderung über zwei Druckseiten ihn einer dahinschmelzenden Leserschaft als Wandler unter gleichgesinnten Geistesriesen suggerieren soll. Er war bei einem Treffen der Mont Pelerin Society in den USA, das ist das exklusive und diskrete Konklave der global besten Ökonomen in Sachen Marktwirtschaft und Freiheit, anders gesagt, des Vereins, für den an der Krise immer der Staat schuld ist, der nichts anderes im Sinne hat, als die Marktwirtschaft an ihrer absolut freien Entfaltung zu hindern. So wie es die Regierung Bush tat.

Die Welt ist ja so ungerecht zur Marktwirtschaft. Heute steht sie, wie Unterberger unter dem Titel Die Krise und die Gegenstrategien aus dieser Trutzburg der Weisheit zu berichten wusste, trotz der Befreiung hunderter Millionen Menschen aus der Armut als Folge der Reagan-Thatcher-Reformen in den Augen vieler blamiert als Loserin und schuldig an der Krise da. Es gibt keinen Dank, aber wen wundert's? Populistische Politik wollte möglichst viele Amerikaner zu Hausbesitzern machen, wo die Unterbringung der Bevölkerung in Wohnwagen schon wegen der höheren Mobilität ihrer Freiheit viel wirksamer auf die Sprünge geholfen hätte als jeder Hypothekarkredit.

Kein Wunder daher: Die Rolle der Marktwirtschaft in der Krise gab dem Mont-Pelerin-Treffen einen depressiven Unterton. Verständlich, dass in dieser Situation ein Teilnehmer einräumte, dass für die Politik die Entscheidungen schwierig sind, wenn die Ökonomen selbst verwirrt sind. Diese Verwirrung schwächte aber nicht ihre zielgenaue Skepsis. Die Erholung der Wirtschaft wird durch die Einmischung der Sozialingenieure - vom Typ Barack Obama oder Pröll Josef - letztlich nur verzögert. Denn Regulatoren brächten ihre eigenen politischen und moralischen Werte ins Spiel, was schlimmstenfalls bis ins Menschliche geht. Nur eines bleibt unverständlich an diesen Genies: Das tolle Patentrezept zur raschen Beendigung der Krise findet sich nicht in ihrer Trickkiste. Daher die Gegenstrategie: "Es ist besser, nichts zu tun als etwas Falsches."

Merk's Obama, merk's Pröll! Also aufmunitioniert, kann unser Don Quichotte weiter gegen Windmühlen wie diese beiden anrennen. Zur Unterstützung hält er sich Sancho Pansas in Gestalt dienlicher Kolumnisten, wie den Leiter einer philosophischen Praxis, der kürzlich über Wohlhabende und Habenichtse räsonierte: Umverteilung ist sinnlose Sisyphusarbeit, die noch dazu moralisch verwerflich ist. Denn sie führt dazu, dass jeder danach trachtet, sich auf Kosten jedes anderen zu bereichern.

Der Ort, an dem das stattfindet, ist die Demokratie. Unsere heutige Form der Demokratie, die man in früheren Zeiten Pöbelherrschaft nannte und vor der kein Philosoph von Rang jemals den Hut zog - da will dieser Eugen Maria Schulak gern dabei sein - ist eine Regierungsform, die es ermöglicht, sich auf Kosten anderer Menschen, die man nicht kennt, erhebliche Vorteile zu verschaffen, ja regelrecht zu bereichern.

Während es in einer gesunden Diktatur, oder mindestens Monarchie, vor denen so viele Philosophen von Rang den Hut gelegentlich gar nicht tief genug ziehen konnten, völlig ausgeschlossen ist, sich auf Kosten anderer Menschen, die man nicht kennt, erhebliche Vorteile zu verschaffen. Was etwa die Juden im Dritten Reich zweifellos als Segen empfanden. Und zur Tatsache, dass es viel mehr Habenichtse als Wohlhabende gibt, weiß dieser Brachialdarwinist im Darwin-Jahr: Da dies immer schon so war und selbst unter demokratischen Verhältnissen nicht verändert werden konnte, ist anzunehmen, dass es sich hier gleichermaßen um ein Natur- wie ein Kulturgesetz handelt, welches sich prinzipiell nicht verändern lässt. Mehr noch: Das bedeutet, dass die Ungleichheit der Menschen nicht nur nicht verändert werden kann, sondern auch nicht verändert werden darf und soll.

Doch unphilosophisch, wie Geschichte verläuft, ist Veränderung nicht aufzuhalten: Bald läuft Unterbergers Vertrag aus, und damit hoffentlich auch solcher Spuk im Organ der immer noch demokratischen Republik Österreich. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 17.3.2009)

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    Andreas Unterberger, Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

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