Wo der Klang unsichtbar wird

16. März 2009, 17:47
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Dirigent Nikolaus Harnoncourt ist im Haydn-Jahr höchst aktiv, im Musikverein zeigte er, auf welch hohem Niveau

Wien - Es ist erheiternd: Will man sich informieren, welche Bedenk- und Gedenktage heuer anstehen, kann man getrost auch den Konzertkalender von Nikolaus Harnoncourt zurate ziehen. Dieser ist - von der Komponistenliste her - nicht nur, aber auch ein Abbild der anstehenden runden Geburts- und Todestage. Beispielsweise naht ein Treffen mit dem Concertgebouw Orchestra in Sachen Felix Mendelssohn-Bartholdy (200. Geburtstag), auch Georg Friedrich Händel (250. Todestag) wird interpretiert.

Zentraler Teil des Terminplans ist aber Joseph Haydn (200. Todestag): Demnächst wird sich Harnoncourt in Berlin der Oper "Orlando Paladino" sowie Haydn-Messen widmen und zu Haydns Geburtstag (31. März 1732) in Eisenstadt gleich vier Symphonien aufführen - einige weitere im Mai (vor dem Todestag am 31. 5.1809) bei den Wiener Festwochen. Es gäbe noch mehr aufzuzählen, aber klar ist: Bei all dem handelt es sich wohl nicht um ein geschäftstüchtiges Bedienen der Jubiläumsindustrie. Eher um den glücklichen Zufall, dass so viele Tonsetzer zu würdigen sind, die für Harnoncourt ein Anliegen darstellen.

Auf Haydn trifft das wohl im Besonderen zu. Im Musikverein ist es Harnoncourt jedenfalls ein Bedürfnis, in Sachen "Paukenmesse" ein paar erklärende Worte ans Publikum zu richten: "Haydn sagt 100 Sachen in seiner Musik - wir verstehen nur 30 davon", eröffnet er und schildert die Notzeit, in der das Werk entstanden ist. Was folgt, ist eine Umsetzung, die alles andere als pädagogischen Charakter annimmt. Hier imponiert der Kampf zwischen Verzweiflung und Hoffnung, hier wird ein Höhepunkt an Reduktion und Melancholie im Credo und ein hitzig-leidenschaftlicher im "Benediktus" erreicht.

Dazwischen gibt es delikate Augenblicke sonder Zahl, und nicht wenige verdanken sich der Arbeit des Arnold Schönberg Chores: Mit der schwebenden Leichtigkeit, die das Kollektiv im Agnus Dei erreicht, wird der Chor zum markantesten Solisten. Wiewohl auch Genia Kühmeier, Barbara Hölzl, Herbert Lippert und Timothy Sharp vokale Qualität bieten.

Am Concentus Musicus überzeugt die Elastizität des Ausdrucks - und dies auch zuvor bei Haydns Symphonie c-Moll, Hob. I:95; auf Basis des dirigentischen Ausduckspräzison ereignen sich wahre instrumentale Metamorphosen.

Da enthält schon der 1. Satz (mit dem wehmütigen Thema und der kurz ausbrechenden Dramatik) die ganze Bandbreite des Auszusagenden.

Wobei man bei leiser werdenden Stellen nicht nur das Gefühl abnehmender Lautstärke hat; der Klang entschwebt regelrecht, scheint unsichtbar zu werden. Im 3. Satz wird aber auch das Lustig-Derbe möglich; und subtil mündet dann im Finale das Dramatische ins Festliche. So dürfte das Haydn-Jahr ewig dauern. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD/Printausgabe, 17.03.2009)

CD-Tipp: Nikolaus Harnoncourt; Haydns "Die Jahreszeiten" (Sony)

 

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    Nikolaus Harnoncourt.

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