"Kommerzielles Gift zerstört Journalismus"

16. März 2009 16:40
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    Foto: davies

    "Guardian"-Journalist und Buchautor Nick Davies.

Nach der Krise kommen die "Minimedien" verspricht der britische Autor und "Guardian"-Journalist Nick Davies

STANDARD: Ist die Finanzkrise ein Medienkonstrukt, ähnlich Millenium Bug oder Massenvernichtungswaffen im Irak?

Davies: So weit würde ich nicht gehen. Bei der Finanzkrise sind die Medien in die Falle getappt, weil sie an eine Legende glauben. Diese Legende entstand unter Thatcher und Reagan und sagt, freier Markt und Privatwirtschaft sind gut. Eine sehr simple und naive Legende. Einige wenige Journalisten sahen die Gefahr, aber ihre Geschichten wurden nie publiziert, weil sie der Legende nicht entsprachen. Ein Jahr bevor der US-Subprimemarkt kollabierte, warnte die New York Times davor. Niemand hat diese Geschichte übernommen. Ein Observer-Journalist wollte einen Artikel veröffentlichen, in dem er die Gefahren des Weltfinanzsystems beschreiben wollte. Der Redakteur lehnte ihn sehr grob ab, weil der Artikel zu kompliziert war.

STANDARD: Aber ist es nicht verkürzt, den Medien die Schuld zu geben? Die Falschmeldung, wonach der Amokläufer seine Tat im Internet ankündigte, streute zum Beispiel die Polizei.

Davies: Natürlich. Die PR-Industrie stellt ein Problem für sich dar. Wenn man mich morgen zum Premierminister in Großbritannien machen würde - ich glaube nicht, dass sie es tun werden, aber falls doch - würde ich mir genauso einen PR-Stab zulegen und versuchen, Medien zu manipulieren. Die PR-Industrie ist böse, aber sie wird angespornt durch die Medien. Manchmal ist die Falschheit aber auch beabsichtigt, um die öffentliche Meinung zu manipulieren. Es braucht starke Medien, um dem standzuhalten, andernfalls ist es sehr einfach zu manipulieren.

STANDARD: Wie konnte es so weit kommen? Alles wegen Rupert Murdoch?

Davies: Nicht nur. David Montgomery und unzählige andere Kapitalgesellschaften repräsentieren wie Murdoch das kommerzielle Gift, das seriösen Journalismus zerstört.

STANDARD: Sie werden Ihnen entgegnen: Der Erfolg gibt uns Recht?

Davies: Das glaube ich nicht. Wir befinden uns in einer Entwicklung mit drei Phasen: Zuerst waren die guten Jahre, als die großen Konzerne Nachrichtenorganisationen aufkauften und große Profite machten. Sie kommerzialisierten Inhalte, bauten Personal ab und verdienten viel Geld. Dann begann sich die Qualität der Nachrichtenproduktion zu verschlechtern, was zu Leserschwund führte. Der sich mit dem Internet, Phase zwei, beschleunigte. Außerdem verloren sie Inserate, auch ans Internet. Jetzt hatten die Konzerne Probleme. In Phase drei beschleunigt die Kreditkrise den Inseratenschwund. Diese Beteiligungsgesellschaften waren kommerziell erfolgreich, aber niemals journalistisch. In Großbritannien verlieren die übelsten Boulevardblätter massenhaft Leser. Der Daily Mirror hatte einmal vier Millionen, heute nur mehr 1,5 Millionen Leser.

STANDARD: Soll das heißen, das Problem der Gossenpresse löst sich irgendwann von selbst?

Davies: Die großen Gesellschaften werden aus dem Nachrichtengeschäft aussteigen. In Großbritannien trifft es gerade den Evening Standard, der einem russischen Oligarchen gehört. Jetzt will er ihn nicht mehr. Das Ende dieser als Kapitalgesellschaftsformen organisierten Massenmedien ist in den nächsten fünf bis zehn Jahren absehbar. Sie nehmen ihr Geld raus. Sag: Auf Wiedersehen zu ihnen.

STANDARD: Und danach?

Davies: Brauchen wir eine dritte Finanzierungsquelle. Der "Guardian" begann sich umzuschauen nach reichen Familien, die eigene Zeitungen besaßen und gründete eine Stiftung. Die Regierung müsste einen Fonds gründen, der es den vielen arbeitslosen Journalisten ermöglicht, neue Organisationen zu gründen. Wir bewegen uns auf etwas zu, das ich "Minimedien" nenne. Kleine Gruppen von Journalisten gründen eine Webseite und besetzen eine kleines Gebiet, geographisch zum Beispiel eine kleine Stadt oder thematisch die Nahrungsmittelindustrie. Wenn nicht, begeben wir uns in eine Zukunft des Informationschaos. Diese Minimedien könnten auf ihrem Gebiet die allerbesten Informationsquellen sein. So könnten wir die Konzerne beiseite lassen. Sie sind das Problem und können nicht Teil der Lösung sein.

STANDARD: Und wenn das auch nicht funktioniert?

Davies: Wenn das Minimedia-Modell nicht funktioniert, verlieren wir den Journalismus. Was haben wir dann? Eine inkohärente Blase. Manche sagen, es macht nichts, wenn Journalismus stirbt. Weil das Internet es mit Blogs usw. ersetzen wird. Das wäre, als sagee man, wir brauchen kein Gesundheitssystem mehr, die Menschen heilen sich selbst. Wir brauchen Menschen, die Fertigkeiten haben, Zeit und die Ressourcen, um Informationen aufzugreifen und zu vermitteln.

STANDARD: Was haben Qualitätsmedien zu erwarten?

Davies: Qualitätsmedien verlieren Geld, aber nicht unbedingt Leser. Nehmen wir den Guardian. Wir drucken 350.000 Auflage, das stagniert. Unsere Leserzahl im Internet steigt aber dramatisch, wir zählen 30 Millionen Unique User.

STANDARD:  Das heißt, alles verlagert sich auf das Internet. Auch das Zeitunglesen. Was ist mit dem haptischen Erleben?

Davies: Der Grund, warum wir aufhören werden, Zeitung zu lesen, hat nur teilweise mit Kosten zu tun. Wir sind in der Technologie nur einen Schritt entfernt: Es braucht einen leichten, tragbaren Bildschirm, den man leicht in die Tasche einstecken kann. Amazon produziert dieses Ding schon als e-book. Aber es müsste noch leichter sein, um darin Zeitungen zu lesen. Es wird nicht mehr lange dauern.

STANDARD: Was raten Sie einem Berufseinsteiger?

Davies: Immer herein. Wenn du jemanden findest, der dich bezahlt, ist es ein fantastisch guter Job. Du wirst bezahlt, um interessante Themen zu finden, interessante Plätze aufzusuchen und kannst manchmal Menschen attackieren, die wirklich Böses getan haben, was sehr, sehr befriedigend sein kann. Ein Zeichen der Hoffnung ist auch, dass Journalismus intelligente, energetische und idealistische junge Menschen anzieht. Wir brauchen sie. Ihre Gegenwart ist ein Teil davon, der uns beim Überleben hilft. (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 17.3.2009/Langfassung)

Zur Person
Nick Davies schreibt beim "Guardian" und ist Autor von "Flat Earth News". Beim ORF-Dialogforum diskutiert er am Dienstag, 19.30 Uhr, im Wiener NIG über Qualitätsjournalismus.

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Terence Lennox
17.03.2009 15:30
william bonney
17.03.2009 18:03
langsam

gehen ihnen die kunden aus...

Terence Lennox
17.03.2009 23:27
aber den ..

..letzten rotstrichler gibts immer noch..

william bonney
18.03.2009 12:06
sie sind jung

sie werden olli überleben.

Terence Lennox
19.03.2009 16:00
ich glaube ja..

..beide ollen ollies sind jünger..

william bonney
19.03.2009 17:30
next week

zeit?

Fritz Meyer
17.03.2009 15:00
Die "vierte Gewalt" im Staat...

ist leider fast vollständig im Besitz einiger habgieriger Medienkonzerne - oder schlimmer noch von Parteienproporz und -klüngel.

Fritz Meyer.

Buagseitei
 
17.03.2009 12:36

Der Mann weiß wovon er redet.

simmaunsehrlich
17.03.2009 10:45
Merkt man auch schon, wenn man die ZIB sieht

Das Niveau...
bereits unter jeder Sau

insertnamehere
 
17.03.2009 10:13
Es braucht also starke Medien, die sich nicht manipulieren lassen.

Diese starken Medien werden Minimedien - vorwiegend online - sein.

Ich tu mir grad etwas schwer, die zwei Aussagen unter einen Hut zu kriegen.

0815-Kommentar
17.03.2009 15:50

wie ich es verstanden habe, bedeutet mini-medien nicht klein von der leserzahl sondern regional, aber dort durchaus relevant.

fmdj
19.03.2009 12:37

relevant durch kompetenz. hat als system durchaus chancen. frage ist, wer dafür zahlt. und wer die verbreitung dieser nachrichten übernimmt - und damit kontrolliert. und wer das bezahlt.

Illicit Trafficking Database
 
17.03.2009 09:50
Manchmal ist die Falschheit aber auch beabsichtigt, um die öffentliche Meinung zu manipulieren.

Danke Herr Nick! Sie haben hier was ganz neues verraten.Ohne sie würden wir sonst alles glauben.

Eurotrashboy
17.03.2009 09:27
Das ging mir schon ab...

...seit Jahren. ... Millenium... ich glaub, in Favoriten gibts noch ein Cafe das so heißt... also bitte... MILLENNIUM. Merci.

sturmy
17.03.2009 08:14
Guter Artikel, ohne diese verrotteten Medien wäre dieser gierige allesverschlingende Kapitalismus nicht möglich!

gedanken sind frei
17.03.2009 08:13
minimedien

und wer aggregiert die berichte dieser minimedien, sodass ich als leser nicht 20 (online)zeitungen abonnieren muss?

pace e bene
17.03.2009 11:11
Der Boss der Bosse
17.03.2009 10:49
Und wer aggregiert die Nachrichtensendungen und TV-Talkshows, damit

ich nicht durch -zig TV-Kanäle zappen muss?

Niemand. Das muss man heute schon selbst leisten können.

gedanken sind frei
17.03.2009 12:14
was für ein blödsinn.

es ist doch der sinn einer zeitung, nachrichten aus allen bereichen zu sammeln und aufzubereiten.

Der Boss der Bosse
17.03.2009 12:33
Nein, "Blödsinn" sind lediglich

die Nicht-Akzeptanz der Medienvielfalt und die Weigerung, diese zu nutzen. Wobei das auch eine Frage des Alters und der Medienvertrautheit ist.

gedanken sind frei
17.03.2009 13:35
schon wieder - blödsinn.

wer redet von nicht-akzeptanz der medienvielfalt?
ich rede davon, dass ich nicht für jede nachrichtenkategorie eine eigene webseite aufrufen muss. natürlich möchte ich das distinguiert und aus verschiedenen blickwinkel, jedoch stets gesammelt und aufbereitet.

Der Boss der Bosse
17.03.2009 16:15
Aha. Was du alles möchtest.

Jetzt müsste sich nur noch jemand finden, den das interessiert, was du möchtest.
Entweder du akzeptierst, was es gibt, oder du schaffst selbst, was dir fehlt. Herumraunzen und Ansprüche an andere stellen ist relativ sinnlos.

gedanken sind frei
18.03.2009 09:25
und schon wieder.

ich bin kunde. kunden kaufen zeitungen, die ihren ansprüchen genügen (soviel zum thema, ich könnte da keine ansprüche stellen).

wenn ein online-portal nun diesen service den ich benötige leistet, so werde ich für diesen service auch bezahlen. ganz normal. angebot und nachfrage. aber anscheinend zu kompliziert für sie.

Der Boss der Bosse
18.03.2009 12:10
Also von der Frage, wer Informationen "aggregiere"

hin zu einer Belehrung über Angebot und Nachfrage. Hochinteressant.
Und wenn es diesen nachgefragten Serviceleister nicht gibt, den der wirtschaftstheoretisierende Kunde benötigt, sind wir wieder bei meinem ersten Statement: Da muss eben jeder selbst aktiv bei der Selektion von Medieninhalten werden.
Oder was tut die Nachfrage, wenn es kein Angebot gibt?

gedanken sind frei
18.03.2009 12:28
ein spontanes beispiel

internet-suchmaschinen. es würde ja reichen eine software zu nutzen, aber im netz gibt es bereits unzählige meta-suchmaschinen, die die ergebnisse unzähliger einzelner suchmaschinen aggregieren (d.h. zusammenfassen).

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