Brasilien: Vatikan kritisiert Exkommunizierung

16. März 2009, 16:19
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Erzbischof Fisichella: "Die kleine Carmen hätte zuallererst verteidigt, umarmt, getröstet werden müssen"

Die Vorgangsweise des brasilianischen Erzbischofs Jose Cardoso Sobrinho, der die Exkommunizierung der Beteiligten an einer Abtreibung bei einer Neunjährigen öffentlich gemacht hatte, wird vom Vatikan kritisiert. Das berichtete die Nachrichtenagentur Kathpress am Montag. Die Art und Weise, wie Cardoso Sobrinho sich ausgedrückt habe, sei nicht nur "unbarmherzig" gewesen, sondern habe auch der "Glaubwürdigkeit" der Lehre der Kirche Schaden zugefügt, betonte Erzbischof Rino Fisichella, der Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, im "Osservatore Romano".

Die Neunjährige war nach einer Vergewaltigung durch den Stiefvater mit Zwillingen schwanger geworden. In dem Artikel unter dem Titel "An der Seite des brasilianischen Mädchens" unterstrich Erzbischof Fisichella, dass es sich leider um eine Geschichte alltäglicher Gewalt gehandelt habe, die nur deshalb auf die Titelseiten gekommen sei, weil Erzbischof Cardoso Sobrinho die Exkommunikation der Ärzte und Pflegerinnen öffentlich gemacht habe, die die Abtreibung vorgenommen hatten. "Notwendiger und dringender" als an eine Exkommunizierung zu denken, sei es gewesen, das schuldlose Leben des Mädchens zu retten und es wieder auf jene Ebene der Menschlichkeit zu heben, "für die wir Kirchenmänner erprobte Verkünder sein sollten". Ohne die prinzipielle Ablehnung der Abtreibung aufzuweichen, hätte man "über die juristische Sphäre hinausblicken" müssen, um dem eigentlichen Sinn des Kirchenrechts - dem Wohl und dem Heil der Gläubigen - zu entsprechen, schrieb Erzbischof Fisichella. Wörtlich stellte der Erzbischof fest: "Die kleine Carmen hätte zuallererst verteidigt, umarmt, getröstet werden müssen. Sie hätte spüren müssen, dass wir alle an ihrer Seite sind".

Gewissenskonflikt

Für die wiederholte Vergewaltigung eines Kindes gebe es keine angemessenen Worte der Verurteilung. Dadurch, dass Cardoso Sobrinho die an der Abtreibung beteiligten Ärzte und die Mutter der Neunjährigen für exkommuniziert erklärt habe, erscheine die Kirche jetzt "in den Augen vieler als unsensibel, unverständlich und unbarmherzig". Auch der Gewissenskonflikt der Ärzte müsse mitberücksichtigt werden, betonte Fisichella. Moraltheologisch zähle dieser Fall "zu den heikelsten". Niemand mache sich eine Entscheidung dieser Tragweite leicht: "Das auch nur zu denken, wäre ungerecht und beleidigend". Ein schnelles Urteil werde weder dem Vergewaltigungsopfer noch den übrigen Beteiligten gerecht.

Der Theologe verwies darauf, dass nach dem Kirchenrecht die Exkommunizierung für die Mitwirkung an einer vollzogenen Abtreibung ohnehin automatisch eintrete; daher habe es keinerlei Dringlichkeit gegeben, die Strafe öffentlich festzustellen. Der Leiter der Päpstlichen Akademie für das Leben bekräftigte den Respekt der Kirche für Ärzte in Grenzsituationen, aber auch das Prinzip, dass das menschliche Leben "von seiner Empfängnis an heilig ist und geschützt werden muss". Doch auch, wenn man an diesem Grundsatz festhalte, müsse man "in schwierigen Momenten wie diesem zu einem Zeichen der Nähe mit den Leidenden fähig sein". Der Beitrag Erzbischof Fisichellas schließt mit den Worten: "Carmen, wir sind auf deiner Seite. Wir teilen dein Leiden und würden gern alles tun, um dir deine Würde wiederzugeben und alle Liebe, die du brauchst. Andere verdienen die Exkommunizierung und unsere Vergebung - nicht die, die dir erlaubt haben, zu leben, und die dir helfen, Hoffnung und Vertrauen wiederzufinden".

Mutter wollte Tochter retten

Auch die Brasilianische Bischofskonferenz hat sich im öffentlichen Streit um die Exkommunizierungen nach dem Abtreibungsfall zu Wort gemeldet. Die Mutter des neunjährigen Vergewaltigungsopfers habe mit ihrer Erlaubnis zum Schwangerschaftsabbruch das Leben der Tochter retten wollen und dürfe daher nicht exkommuniziert werden, sagte der Generalsekretär der Bischofskonferenz, Bischof Dimas Lara Barbosa.

Die Veröffentlichung der Exkommunizierung hatte in Brasilien heftige Reaktionen der Öffentlichkeit provoziert. Besonders die Äußerung von Erzbischof Cardoso Sobrinho, wonach die Abtreibung ein schwereres Vergehen sei als die Tat des Stiefvaters, stieß auf Unverständnis. Die Frage der Exkommunizierung der beteiligten Ärzte ließ die Bischofskonferenz offen: "Wir können noch nicht genau sagen, welcher Arzt exkommuniziert ist und welcher nicht", so Generalsekretär Lara Barbosa. Das hänge "auch vom Gewissen jedes einzelnen ab". Zur Tat des Stiefvaters sagte Lara Barbosa, Vergewaltigung führe laut Kirchenrecht nicht zur Exkommunizierung. Dennoch sei der Stiefvater "aus der Gemeinschaft ausgeschlossen", da er eine Todsünde begangen habe. So stehe es "in der Bibel, die mehr zählt als das Kirchenrecht".

Der 23-jährige Stiefvater hatte den Missbrauch gestanden und auch zugegeben, die geistig behinderte 14-jährige Schwester des Mädchens ebenfalls missbraucht zu haben. Er befindet sich in Polizeigewahrsam. Nach Aussagen der behandelnden Ärzte hätte eine Fortsetzung der Schwangerschaft das nur 1,33 Meter große und 36 Kilo schwere Mädchen in Lebensgefahr gebracht. (APA/KAP/red)

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