"Der Hund reißt, die Katze beißt"

16. März 2009, 15:33
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Nach Bissverletzungen drohen gefährliche Infektionen - Prophylaktische Antibiosen sind dennoch umstritten

"Wir haben jährlich ungefähr 900 Patienten mit infizierten, wie nicht infizierten Bisswunden in unserer Ambulanz", berichtet Markus Gabl, Facharzt für Unfallchirurgie an der Medizinischen Universität in Innsbruck. Die Unterscheidung infiziert beziehungsweise nicht infiziert spielt bei Bissverletzungen eine besondere Rolle, denn anders als bei Schnitt- oder Abschürfwunden steht hier nicht die Verletzung, sondern vielmehr eine drohende Infektion im Vordergrund.

Menschenbisse am gefährlichsten

"Im ungünstigsten Fall wird man von einem Menschen gebissen", weiß Gabl und beschreibt die Keimbesetzung der menschlichen Mundhöhle als hochaggressiv. Was die Gefährlichkeit ansässiger Mikroorganismen anbelangt, rangiert die Katze gleich hinter dem Menschen. Hundebisse sind weit weniger gefährlich, dafür in unseren Breiten umso häufiger. "Der Hund reißt, die Katze beißt", beschreibt Gabl den Tathergang und erklärt, welchen Unterschied das Verletzungsmuster für den Gebissenen ausmacht. Katzen besitzen lange scharfe Zähne, die bei kräftigem Zubeißen weit in die Tiefe reichen. Zieht die Katze ihre Zähne heraus, verschließt sich die Wunde und ein oder mehrere kleine kaum sichtbare Punke bleiben zurück. Dahinter verbirgt sich fast immer ein langer Bisskanal, inklusive sämtlicher Erreger - von der Katze zuvor selbst in die Wunde hineingebracht. Die typische Hundebissverletzung gestaltet sich dagegen wie erwähnt anders. Hunde zerreißen und zerquetschen das Gewebe mit ihrem Gebiss. Eine riesige Wundfläche entsteht. Keime und Sekrete fließen nach außen ab.

Infektionen drohen

"Wir fürchten uns vor ß-hämolysierenden Streptokokken", betont der Innsbrucker Chirurg. Diese aggressiven Bakterien führen binnen weniger Stunden zu bedrohlichen Infektionen. Kommt der Patient bereits mit infizierter Wunde in eine chirurgische Ambulanz, dann hilft der Zeitpunkt des Beißaktes dem Arzt abzuschätzen, welche Keime beteiligt sein könnten. Steht der Verdacht einer Wundinfektion mit ß-hämolysierenden Streptokokken im Raum, dann bleibt als therapeutische Konsequenz oft nur mehr die Operation. Der Bisskanal wird dann mit dem Skalpell ausgeschnitten, den Keimen der Nährboden entzogen. Anschließend werden dem Patienten Antibiotika über die Vene verabreicht.

Behandlung von Bissverletzungen

Ein Großteil der Bissverletzungen lässt sich zwar ambulant therapieren, das Problem Infektion bleibt bei dieser Art der Verletzung jedoch dauernd präsent. Eine Antibiotikaprophylaxe in Form von Tabletten ist als obligate Therapie dennoch umstritten, da einem unbekannten Erreger nur blind zu Leibe gerückt werden kann. Gabl betrachtet den frühzeitigen oralen Einsatz eines Breitbandantibiotikums ebenfalls kritisch und präferiert im Zweifelsfall eher die Antibiotikagabe per Infusion. Nur wenn er eine Wunde als eindeutig nicht infiziert inspiziert, schickt er den Patienten auch mit Tabletten nach Hause. Die Wunde selbst wird zwecks Abfluss keimhältiger Sekrete in jedem Fall offen gehalten. Die betroffene Stelle mit einer Schiene ruhig gestellt.

Je tiefer der Biss, desto schlimmer

Mitentscheidend für den Verlauf einer Bissverletzung ist nicht nur die Herkunft, sondern auch seine Lokalisation. "Im Bereich der Hand gibt es kritische Regionen", weiß Gabl und erklärt wie sich Infektionen entlang von Hohlraumsystemen ausbreiten können. Die Keime werden entlang verschiedener anatomischer Strukturen, wie Sehen und Sehnenscheiden verschleppt. Knochen und Gelenke sind oft involviert.

Generell gilt: Je tiefer der Biss, desto schlimmer mitunter die Folgen. Nur ein oberflächlicher Biss, ohne Durchdringung der Haut, besitzt ein geringes Risiko für eine Infektion. Wie der unauffällige Katzenbiss beweist, lässt sich die Tiefe aber nicht immer problemlos quantifizieren. "Eine abwartende Haltung kann fatal ausgehen", betont Gabl und weiß abschließend von abgestorbenen Sehnen, eingesteiften Gelenken und eitrigen Knochen zu berichten. Horrorgeschichten die daran erinnern, dass ein Biss keine harmlose Verletzung ist. Unabhängig davon wie harmlos oder klein der Zubeißende auch gewesen sein mag. (phr, derStandard.at, 16.03.2009)

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    Hundebisse sind weit weniger gefährlich als jene von Menschen und Katzen

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