Ermittlungen gegen Todesschwadronen

19. März 2009, 17:56
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Ermittler fanden Schädelteile in "Todesbrunnen" - Fünf Festnahmen

Die Vermutungen sind nicht neu, konnten aber bislang nie belegt werden. Staatlich sanktionierte Todesschwadronen sollen vor allem in der ersten Hälfte der 1990er- Jahre hunderte Unterstützer der PKK-Guerilla ermordet und an unbekannten Orten verscharrt haben. Dahinter soll in der Regel der Geheimdienst der Gendarmerie Jitem gesteckt haben. Nun hat ein Staatsanwalt im Zuge der Ermittlungen gegen die Geheimorganisation Ergenekon angeordnet, in Diyarbakir im Südosten der Türkei einen ehemaligen Brunnen auszugraben, in dem Opfer von Jitem beseitigt worden sein sollen.

Etliche Gebeine, darunter zwei Schädel, wurden gefunden. Fünf Männer, allesamt Gefolgsleute des ehemaligen Bürgermeisters der Kleinstadt Cizre, wurden verhaftet. Der Bürgermeister ist flüchtig. Angebliche Sympathisanten der PKK sollen von den Verhafteten verschleppt worden sein und später an Mitglieder der türkisch-kurdischen Hisbollah übergeben worden sein. Die fanatisch-islamistische Truppe wurde von Jitem benutzt, um missliebige Leute ermorden zu lassen.

Generäle angeklagt

Mit den Ermittlungen zeigt die Staatsanwaltschaft, dass sie im Zuge der Ergenekon-Ermittlungen - der Organisation wird vorgeworfen, einen Putsch vorbereitet zu haben - dem sogenannten "tiefen Staat" wirklich auf den Grund gehen will. Auch hohe Militärs kommen nicht ungeschoren davon. In der zweiten Anklageschrift sind nun auch die Ex-Mitglieder des Generalstabs Sener Eruygur und Hursit Tolon angeführt.

Außerdem taucht nun als Beweismittel auch das Tagebuch des ehemaligen Admirals Özden Örnek auf, in dem detailliert über die Vorbereitungen eines Coup berichtet wird. Örnek hatte zwar immer bestritten, dass das Tagebuch von ihm sei, allerdings haben sich die Indizien verdichtet, dass um das Jahr 2004 eine relevante Gruppe in der Militärführung die AKP-Regierung von Tayyip Erdogan stürzen wollte. Türkische Medien berichteten in den letzten Tagen über ein weiteres Tagebuch, das im Computer von Mustafa Balbay, dem Chef des Ankara-Büros der Zeitung Cumhuriyet, gefunden worden sein soll und in dem ebenfalls über Gespräche zur Putschvorbereitung berichtet wird. (Jürgen Gottschlich aus Istanbul/DER STANDARD, Printausgabe, 20.3.2009)

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