Klitoris als Problem im Alltag

15. März 2009, 18:49
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Elena Jirovsky hat in Burkina Faso zum Thema weibliche Genitalverstümmelung geforscht: "Das Frauenbild müsste sich ändern", sagt sie im dieStandard.at-Interview

Welche Bedeutung hat FGM (Female Genital Mutilation) im westafrikanischen Burkina Faso? Dieser Frage stellte sich die Kultur- und Sozialanthropologin Elena Jirovsky, die sich elf Monate in Burkina Faso aufhielt und dort eine ethnologische Feldforschung durchführte. Jirovskys Forschungsarbeit ist Teil des Projektes „Weibliche Genitalverstümmelung und Ästhetische Plastische Chirurgie", an dem auch Wissenschafterinnen aus der Politikwissenschaft (Weiterlesen: Wahl und Zwang zum "Genitalideal") und Psychologie arbeiten. Das Projekt möchte mögliche Zusammenhänge zwischen den Praktiken der Genitalverstümmelung und kosmetischer Genitalchirurgie bearbeiten.
Zurück in Wien sprach Elena Jirovsky mit dieStandard.at unter anderem über Sensibilisierungskampagnen in Burkina Faso und ihre ersten Forschungsergebnisse.

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dieStandard.at: Mit welchen Fragen sind Sie nach Burkina Faso gefahren?

Elena Jirovsky: Ich habe in einem urbanen Umfeld über die Bedeutung und Bedeutungsgebung von weiblicher Beschneidung geforscht und zwar in der zweitgrößten Stadt Burkina Fasos, in Bobo Dioulasso (ca. 300.000-400.000 EinwohnerInnen).
Mich hat interessiert, was und wie die Leute über FGM erzählen. Welche Bedeutung geben sie dem? Es ging nicht darum zu überprüfen, wer es macht und wer es nicht macht, sondern darum, was darüber erzählt wird.
Übrigens wird dort (auch in den Kampagnen) von "l' Excision", also von Beschneidung, und nicht von Genitalverstümmelung gesprochen.

dieStandard.at: Wie stark ist FGM in Burkina Faso verbreitet?

Elena Jirovsky: Es gibt neuere Daten vom "Comité de Lutte contre la pratique de l'excision", dem Nationalen Komitee des Kampfes gegen die Praxis der Beschneidung - die sprechen von 49,5 Prozent Betroffene in der weiblichen Bevölkerung.

dieStandard.at: Wird FGM als religiöse Praktik gesehen?

Elena Jirovsky: Jein. Es gibt soziale Begründungen, manchmal sind diese mit religiösen Begründungen vermischt. In der Region, in der ich gearbeitet habe - es gibt schon Unterschiede zu Zentral-Burkina oder überhaupt anderen Ländern - ist etwa eine soziale Begründung, dass Frauen prinzipiell als frivol erachtet werden. Es bestünde somit die Gefahr, dass sie fremdgeht. Auch Frauen selbst - beschnittene Frauen - meinen, dass eine Frau mit Klitoris nicht ruhig auf einem Sessel sitzen bleiben kann. So vertreten auch Frauen die Meinung, dass eine Beschneidung gut ist, sie könne so besser einer Arbeit nachgehen oder Kinder großziehen. Alte Frauen sagten zu mir, sie seien froh, dass sie beschnitten wurden. Ohne Klitoris hätten sie somit den Alltag gut bewältigen können.

dieStandard.at: In dieser Region bedeutet "Beschneidung" ausschließlich die Entfernung der Klitoris?

Elena Jirovsky: Ja - die "Frivolität" wird sozusagen mit der Klitoris weggeschnitten. In dieser Region wird also nicht zugenäht oder andere Formen von FGM angewandt. Dass die Frauen auch für die Beschneidung sind, hat mit einem internalisierten Frauenbild zu tun. Um Werten wie Treue oder Jungfräulichkeit nachkommen zu können, sind viele für die Beschneidungen.

dieStandard.at: Wie sieht die gesetzliche Lage aus?

Elena Jirovsky: Es gibt seit zwölf Jahren ein Verbot der weiblichen Beschneidung.

dieStandard.at: Gibt es öffentliche Kampagnen gegen Genitalbeschneidung?

Elena Jirovsky: Ja. Erstaunt hat mich aber zum Beispiel die Aussage eines Kampagnenmitarbeiters, der folgendermaßen gegen Beschneidung argumentierte: Frauen müssen nicht beschnitten werden, denn sie würden ohnehin fremdgehen. Selbst in einer öffentlichen Kampagne wird also das Frauenbild der "frivolen, unkontrollierbaren Frau" bedient. Es wird gar nicht versucht, an diesem Frauenbild etwas zu ändern, sondern es wird hauptsächlich entlang von medizinischen Argumenten gearbeitet.

dieStandard.at: Was bewirken diese Kampagnen?

Elena Jirovsky: Meines Erachtens sagen viele Frauen - und auch Männer - nicht dezidiert nein zur Beschneidung, auch wenn sie sagen, dass sie es nicht machen würden wegen dem Verbot. Dezidiert nein sagen hauptsächlich Menschen, die jemanden durch FGM verloren haben. Andere kennen zwar die medizinischen Folgen, finden aber trotzdem noch etwas Gutes daran. Ein Beispiel: Ein junges Mädchen, selbst beschnitten, das später Medizin studieren möchte, fragte ich: Wie willst du das selbst mal bei deinen Kindern handhaben? Sie antwortete, dass sie ihre Kinder schon beschneiden lassen möchte. Aus diesen Sensibilisierungskampagnen, die sich vorwiegend auf medizinische Gefahren konzentrieren, zieht sie den folgenden Schluss: FGM ist eigentlich eine gute Sache, aber sie kann schlechte Folgen haben.
Viele fragen sich auch, warum die Beschneidungen nicht im Krankenhaus durchgeführt werden können, wie es bei Burschen gemacht wird.
Natürlich ist es absolut berechtigt, die medizinischen Folgen in der Sensibilisierung so massiv zu thematisieren. Denn dies ist auch die Sorte Gegenargumentation, die quasi niemandem "weh tut". Wenn sich aber nichts an dem Frauenbild ändert, wird es vermutlich noch länger dauern, bis sich wirklich etwas tut.

Es muss auch berücksichtigt werden, dass Beschneidung nicht für sich alleine steht, sondern in die Kultur und in die Moralvorstellungen eingebettet ist. Es passieren ja auch andere soziale Veränderungen, abgesehen von dem Verbot von FGM. Aids ist ein Thema, jugendliche Schwangerschaften sind Thema, Musik und die Darstellung von Mädchen in Videoclips sind Thema. Beschneidung wird nicht getrennt von diesen Bereichen diskutiert, sondern in Verbindung mit bestimmten Entwicklungen. Zum Beispiel: Wir haben jugendliche Schwangerschaften, weil die Mädchen nicht mehr beschnitten sind - wobei natürlich noch viele beschnitten sind. Auch Aids wird als Argument für Beschneidung instrumentalisiert.

dieStandard.at: In welchem Alter werden die Frauen oder Mädchen beschnitten?

Elena Jirovsky: Prinzipiell kommt es immer auf die kulturellen Kontexte, also die unterschiedlichen Ethnien oder Regionen an. Durch das Verbot ändert sich das Alter aber schon. Wenn beispielsweise vor der Hochzeit beschnitten wurde, wird jetzt eher in der Kindheit beschnitten, weil es so einfach leichter zu verstecken ist.

dieStandard.at: Welche Rolle hat plastische Chirurgie in Ihrer Arbeit gespielt?

Elena Jirovsky: Als gemeinsame Projektgrundlage dient uns ein möglicher Vergleich zwischen FGM und plastischer Genitalchirurgie. Ich hab in meinen Interviews auch über Schönheitschirurgie gesprochen. Einige haben gewusst, dass so etwas gemacht wird und insgesamt wurde die Möglichkeit einer Vagina-Verengung von den Frauen weitgehend positiv beurteilt. Als Argument dagegen sprach für sie aber, dass man nach einer weiteren Geburt erneut einen Eingriff zur Verschönerung oder Verengung der Vagina machen müsse.

dieStandard.at: Welche genitalchirurgischen Eingriffe werden in Burkina Faso vorwiegend vorgenommen?

Elena Jirovsky: Derartige Eingriffe werden vorwiegend gemacht, um Beschneidungsfolgen zu behandeln. Etwa, wenn Vernarbungen entstehen oder die Vagina zuwächst.
Mittlerweile gibt es auch das Angebot einer Klitoriswiederherstellung, die ein französischer Arzt entwickelt hat. Die Klitoriswiederherstellung kostet aber sehr viel, das können sich bis dato eigentlich nur Frauen aus der Oberschicht leisten. (Die Fragen stellte Beate Hausbichler, dieStandard.at. 15.3.2009)

Stichwort: Burkina_Faso

  • Die Kultur- und Sozialanthropologin Elena Jirovsky hat sich elf Monate in Burkina Faso aufgehalten und führte ethnologische Feldforschung durch.
    foto: privat

    Die Kultur- und Sozialanthropologin Elena Jirovsky hat sich elf Monate in Burkina Faso aufgehalten und führte ethnologische Feldforschung durch.

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