Sezierkunst an Deppen und Feinden

15. März 2009, 18:32
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Pikierter Weltekel und die Narben des Katholizismus: "Kreisky" präsentierten ihr neues Album "Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld."

Wien - Stil ist nicht alles, aber wichtig. Vor allem in einem Genre, das sich zu einem Großteil über Oberflächlichkeiten definiert. In dem Zuordnung weitreichend via Klischee funktionieren und zu funktionieren haben. Stil oder der Bruch mit einem solchen, ist, wenn auch schon keine neue Kunst, dann aber doch ein Beleg dafür, dass jemand einen Unterschied machen möchte. Oder zumindest in der Lage ist, einmal ums Eck zu denken. Im Pop, und davon ist hier die Rede, schafft sogar derart niederschwellige Subtilität schon erhöhte Aufmerksamkeit.

Die Band Kreisky, ein Vierer von Exilwienern, tritt in Anzug und Krawatte auf. Insofern ein Stilbruch, als die Musik, die diese Boy Group macht, eher Assoziationen zu zerrissen Jeanshosen, angeschnäutzten T-Shirts und löchrigen Socken, die aus den Turnschuhen schielen, hervorruft.

Die nach dem einstigen politischen Sonnenkönig unseres Kleinstaats benannte Band stellte am Wochenende im ausverkauften Flex ihr neues Album Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld live vor. Schon der verklemmt-katholische Titel klingt zutiefst österreichisch, lässt an Provinzmief, an geile Kirchdiener, nägelbeißende Ministranten und Pfarrerssöhne mit psychosozialen Defiziten und engstehenden Augen denken.

Angewidert und höhnisch

Die deutschen Texte von Franz Adrian Wenzel - auch bekannt als Austro-Fred, also der fleischgewordenen Schnittmenge aus Austro-Pop und Freddie Mercury - sezieren alltägliche Schuld-und-Sühne-Szenarien mit angewiderten bis höhnischen Texten. Live verfällt Wenzel dabei gern in den pikierten Tonfall eines Falco. Ein Kunstgriff (?), der den Ekel vor und die Faszination an den Sujets brillant umgesetzt auf den Punkt bringt. Das Album endet konsequent mit dem Titel Die Menschen sind schlecht.

Der Weg dorthin ist gepflastert mit Betrachtungen über Die dummen Schweine, den Dow Jones oder Feinde. Klare Worte, die formal auf eine Art umgesetzt werden, die keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit ihrer Botschafter aufkommen lassen. Mit harten, knappen Gitarrenriffs, gewaltbereitem Bass und schlechtgelauntem Schlagzeug wird mit einer aus dem US-amerikanischen Hardcore bezogenen Stop-and-go-Ästhetik ein unwirscher, dramatischer und gegen den Strich gebürsteter Blues-Punk gespielt, der in Stücken wie Geladene Gewehre auch im "Slide"-Stil daherkommen kann. Für Die dummen Schweine ist unterkühlter Disco-Beat recht. Dazu drückt Wenzel stellenweise die Orgeltasten.

Live wie auf Platte ergibt das eine explosive Mischung, die ohne schöntuerische Zugeständnisse an alternatives Formatradio oder aktuelle Moden und Trends mit dem Kopf durch die Wand will. Weniger, um irgendjemanden von der Richtigkeit der eigenen Weltsicht zu überzeugen, sondern einfach um von den Deppen und Feinden wegzukommen.

Schon mit dem titellosen Debüt (2007) manifestierte sich, dass mit Kreisky eine neue Kraft aufgetaucht ist, die Wort und Musik im heimischen Pop auf ein neues Niveau bringt. Meine Schuld ... untermauert diese Einschätzung nachdrücklich. Mit Wut, mit Druck, mit Schmäh. Mit Stil - und seinem Bruch. (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe, 16.03.2009)

  • "Meine Schuld! Meine Schuld!"  Welt- und Herkunfts-ekel in feinem Tuch.
Die Wiener Band Kreisky bei der Live-Präsentation ihres grandiosen
neuen Albums im Wiener Flex.
    foto: fischer

    "Meine Schuld! Meine Schuld!" Welt- und Herkunfts-ekel in feinem Tuch. Die Wiener Band Kreisky bei der Live-Präsentation ihres grandiosen neuen Albums im Wiener Flex.

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