Deutsch-deutsche Befindlichkeiten

15. März 2009, 18:09
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Provinz gegen Hauptstadt, zerstörte Bindungen zu den Eltern und der Heimat und eine Standpauke von Günter Grass

Am Sonntag ging in Leipzig die Frühjahrsbuchmesse zu Ende.

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Anton Kuh war ein urbaner Mann: Lieber wollte er in Berlin unter Wienern leben als in Wien unter Kremsern. Mag sein, dass der zu Unrecht vergessene österreichische Autor mit diesen Worten ein ausgeprägt wienerisches Problem beschrieben hat. Aber genau genommen gilt für Frankfurt am Main das Gleiche. Oder können Sie sich vorstellen, in einer der dort typischen Apfelwein-Kneipen zu sitzen, während um Sie herum angesäuselte Odenwäldler schunkeln?

Nein, mit Frankfurt am Main will man nicht einmal dann etwas zu tun haben, wenn Frankfurt am Main zu einem nach Hause käme. Zumindest konnte man diesen Eindruck gewinnen, wenn man während der letzten Tage über das 65.000 Quadratmeter große Areal der Leipziger Frühjahrsbuchmesse gelaufen ist.

"Kommen Sie nach Frankfurt", lautete dort der Slogan, mit dem die mit Leipzig konkurrierende Buchmesse ihren Stand bewarb. Doch trotz freundlicher Aufforderung: Die Hostessen standen sich die Füße platt. Vielleicht ist ein Buchmessestand auf einer Buchmesse auch nicht wirklich originell. Ob aber darin bereits der Grund zu sehen ist, warum kaum einer der über 120.000 Besucher der am Sonntag zu Ende gegangenen Leipziger Frühjahrsmesse der Einladung der hessischen Gegenspieler nachkommen wollte?

Schlimmer noch: Die, die da sind, wollen weg. Besonders eindringlich konnte man das ein paar Stände weiter beobachten. Dort hatte der Suhrkamp-Verlag Quartier bezogen. Und der wurde von den Publikumsmassen zielsicher umlagert.

Interessante Belletristik

Gründe hierfür mochte es viele geben. Einer lag sicher darin, dass Suhrkamp mit neuen Romanen von Amos Oz oder Ralf Rothmann heuer interessante Belletristik zu bieten hatte. Ein anderer aber bestand in verlegerischen Zwistigkeiten. Anfang Februar hatte Geschäftsführerin Ulla Unseld-Berkéwicz verkündet, dass Suhrkamp 2010 aus der Frankfurter Provinz nach Berlin übersiedeln werde.

Die Nachricht schlug wie eine Bombe ein. Mit Autoren wie Hans Magnus Enzensberger oder Jürgen Habermas war der Verlag jahrzehntelang kulturelle Heimat der alten Bonner Republik gewesen. Unseld-Berkéwiczs Entscheidung aber: Sie würde Schluss machen mit einem der besten Stücke kultureller Nachkriegsgeschichte.

Weder Frankfurt noch Hausautoren wie Adolf Muschg wollten das auf sich sitzen lassen. Doch alles Wehklagen, es half nichts mehr. Berlin feierte sich bereits als große deutsche Verlagsstadt. Und die stets umstrittene Unseld-Witwe, sie hatte bewiesen, dass Suhrkamp künftig auf Weltniveau liegen würde - Frankfurt aber nur zwischen Oberursel und Kleinkrotzenburg.

Unterwegs von Deutschland nach Deutschland: Es wäre das sicher ein geeigneter Titel für die bald stattfindende Übersiedelung gewesen. Indes: Das Copyright wird bereits von Günter Grass gehalten. Der war nach Leipzig gekommen, um sein Tagebuch aus der Zeit der deutschen Wiedervereinigung zu vermarkten.

In erdfarbenem Kord und mit qualmendem Knaster stand da der letzte deutsche Großschriftsteller im weiten Rund seiner immer noch riesigen Fangemeinde. Und Grass zeigte, was alle Welt von ihm erwartete: Zunge, Zähne und Gewissensbisse. Für eine Banker-Stadt wie Frankfurt wäre auch auf diesem Podium sicherlich kein Zuspruch zu erwarten gewesen. Doch es kam für die ohnehin geschlagene westliche Seele noch ärger.

Der betagte Moralist nutzte die Finanzkrise, um eine Standpauke wider die "westdeutsche Kolonialherrenmentalität" abzulassen: Leipzig im Jahr zwanzig nach dem Mauerfall als Ort deutsch-deutscher Befindlichkeit. Während unzählige Publikationen noch einmal das Jubeljahr '89 abfeierten, bewies die Messe, dass sich die Kräfte im Land seither verschoben haben.

Die Frühjahrsbuchmesse, einst als kleine Schwester der Frankfurter Herbstschau gestartet, hat sich zu einer eigenwilligen Konkurrentin gemausert. Auch wenn in Leipzig nicht das ganz große Geschäft gemacht worden ist, ein Stück Zukunft des Buches ist hier verhandelt worden. Mit der Vorstellung der Internetplattform "libreka!" ist eine Technik ins Rollen gebracht worden, mit der der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zukünftig weit mehr als 30 Millionen Buchseiten online einsehbar machen will.

Buchseiten, die auch in diesem Frühjahr mit beachtlicher Literatur bedruckt waren. Allein 245 stammten aus der Feder der deutsch-bulgarischen Schriftstellerin Sybille Lewtischaroff. Mit ihrem Roman Apostoloff hat sie den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Mit schwäbischer Sprachkraft beschreibt Apostoloff die Zerstörung von Eltern- und Heimatbindungen.

Und dieses "Heimat-Ding", das hat Jurypräsident Ulrich Greiner schließlich für Lewtischaroff eingenommen. "Ich kann das verstehen", sagt der Frankfurter Journalist später im Pressegespräch. Dann grinst er noch und schiebt einen wirklich bösen Satz nach. "Ich", sagt Greiner, "ich wollte auch nie Frankfurter sein." (Ralf Hanselle aus Leipzig, DER STANDARD/Printausgabe, 16.03.2009)

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    Günter Grass beklagte auf der Leipziger Buchmesse "west-deutsche Kolonial-herren-mentalität" im 20. Jahr nach dem Mauerfall.

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