Der Polizist vor der Tür

15. März 2009, 17:20
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Die Panikattacke, sagt N. habe sie einfach überrollt. Weil Polizisten, die am Abend vor der Tür stehen, meistens Schlimmes verkünden.

 

Es war spät am Abend. Und bevor es läutete, meint N., habe sie sich gar keine Sorgen gemacht. Denn dass ihr Freund - wenn er mit Freunden um die Häuser zieht - nicht zur ZiB2 daheim ist, sei normal: Erwachsene Menschen in einer erwachsenen Beziehung, sagt N., halten so etwas aus.

Als es dann gegen halb elf an der Gegensprechanlage klingelte, erzählt N., habe sie sich auch nicht gewundert: Herzbube habe wohl den Schlüssel vergessen, habe sie gedacht. Sowas käme schließlich vor.

Fremde Stimme

Doch dann, sagt N., habe sich nicht die vertraute Stimme gemeldet, sondern ein Fremder: Er sei von der Polizei, habe der Mann gesagt - und gefragt, ob sie denn N. sei. Wenn ja, dann möge sie doch bitte die Tür öffnen.

In diesem Augenblick, sagt N., habe sie den Boden unter den Füßen verloren. Ohne Vorwarnung und urplötzlich wären tausend Bilder von Filmen vor ihrem geistigen Auge abgelaufen: Die Glocke in der Nacht, der Polizist in der Tür - und die furchtbare Nachricht. Von einem Unfall. Oder einem Unglück. Oder einem Verbrechen.

Keine Cassandra

Sie habe, sagt N., sich am Türstock festhalten müssen und sich mindestens dreimal selbst zugerufen, nicht hysterisch zu sein. Weil das sonst ja so gar nicht ihre Art ist. Und sie im Alltag sonst weder zu Pessimismus neigt, noch zur Cassandra taugt. Weil, sagt N., sei nicht der Typ dazu ist.

Doch während der Polizist die vier liftlosen Stockwerke zu ihrer Wohnung hinauf gestapft sei, sei eben dieser Film abgelaufen. Wieder und wieder. Und mit jedem Durchlauf, sagt N., sei er plastischer geworden. Zum Schluss, als sie den Beamten in Zivil dann durch den Türspion sah, sei sie bereits fast in Tränen aufgelöst gewesen.

Marke

Der Mann vor der Tür, sagt N., habe seine Marke gezeigt. Aber sie habe sie nicht wirklich wahrgenommen. Sie habe aber Verdacht geschöpft: Spät in der Nacht, ein Mann alleine vor der Tür. Behaupten, man sei von der Polizei, kann schließlich jeder. Also, sagt N., habe sie die Marke ein zweites Mal verlangt. Und anstandslos in der spaltbreit geöffneten Tür vor die Nase gehalten bekommen.

Lesen, sagt N., habe sie noch immer nichts können. Aber da der fremde Mann die Marke ohne jedes Zögern oder Anzeichen von Nervosität (so weit sie es eben mitbekommen hätte) noch einmal gezückt hätte, habe sie dann eben beschlossen, dass der Polizist echt sei.

Kreidebleich

Das war er auch. Und freundlich auch. Ob es ihr gut gehe, sagt N., habe der Beamte gefragt. Sie sähe nämlich kreidebleich aus. Sie habe, sagt N., gesagt, dass alles in Ordnung sei. Und nur „mein Freund...?" gestammelt. Was mit ihrem Freund denn sein solle, habe der Polizist zurückgefragt - und plötzlich verstanden. Er habe, sagt N. in diesem Augenblick dann fast selbst erschrocken gewirkt.

Nein, nein, habe der Polizist sich dann zu sagen beeilt: mit N.s Freund sei alles ok. Denn kenne er gar nicht. Er käme auch nicht wegen ihm. Oder wegen sonst einem Verwandten oder Bekannten von N. Im Grunde, sagte der Polizist, käme er auch gar nicht zu N: Er sei nur bis zu ihr heraufgekommen, um ihr zu sagen, dass sie tatsächlich der Polizei die Tür geöffnet habe. Ihre Panik, sagt N., sei da in Verwunderung umgeschlagen: Was der Polizist denn dann von ihr wolle, habe sie gefragt

Observation

Nichts, lautete die Antwort. Er und ein Kollege wären wegen einer Observation hier. Und der Kollege sei jetzt bei der Tür des Verdächtigen. Oder warte im Stiegenhaus. Oder so ähnlich. Daran, was der freundliche Polizist da genau erklärt habe, könne sie sich nicht mehr erinnern. Denn auf ihre Frage, warum man sie dann in der Nacht aus der Wohnung läute, antwortete der Beamte, dass das daran läge, dass er und sein Kollege ihre Postler- oder Generalschlüssel für das Haustor vergessen hätten: Jeder habe sich darauf verlassen, dass der andere... und so weiter.

Aber das, sagt N., habe der Polizist erklärt, hätten sie erst gemerkt, als sie vor der Haustür gestanden seien. Und weil sie nicht zurück aufs Revier fahren wollten, hätten sie eben bei N. angeläutet. Wieso gerade bei ihr, sagt N., habe sie dann gefragt. Und dem netten Polizisten, sagt N., sei seine Antwort gar nicht seltsam vorgekommen: „Weil ihr Name der einzige Österreichische auf der Gegensprechanlage ist. Außerdem steht da ein akademischer Titel. Und sie wissen ja: Die Ausländer machen nicht auf, wenn die Polizei läutet - die warnen nur die anderen. Und dann wären wir umsonst gekommen."  (Thomas Rottenberg/derStandard.at, 15. März 2009)

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