Italiens Medien enthüllen Intrigen im Vatikan

15. März 2009, 17:23
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Der Papst als "einsamer Monarch" – "Aula"-Publikation sorgt für Wirbel

Die Hoffnung des Papstes, das erregte Kirchenvolk mit seinem selbstkritischen Brief an die Bischöfe zu besänftigen, hat sich als trügerisch erwiesen. Die Klagen Benedikts XVI. über das "Beißen und Zerreißen in der Kirche als Ausdruck einer schlecht verstandenen Freiheit" haben neue Polemiken über dessen Führungsstil ausgelöst. Seit Tagen publizieren italienische Medien brisante Details über das intrigenreiche Innenleben des Vatikans.

Der deutsche Papst sei im Apostolischen Palast "zunehmend einsam" , versichert die Tageszeitung La Repubblica in einer dreiseitigen Analyse. "Joseph Ratzinger ist ein Theologe, kein Kirchenführer" , erklärt darin ein Vatikan-Intimus. "Er kennt die Kurie nicht. Er verbringt die Hälfte seiner Zeit damit, Bücher über Jesus zu schreiben. Doch ein fähiger Theologe ist nicht automatisch auch ein guter Kirchenführer." Der vom Papst ernannte Staatssekretär Tarcisio Bertone genieße als Quereinsteiger nicht das Vertrauen der erfahrenen Kuriendiplomatie.

"Einsamer Monarch"

La Stampa schildert die Versuche seiner zahlreichen Gegner, den Papst-Stellvertreter zu entmachten. Vor allem in den Bischofskonferenzen Deutschlands, Österreichs, Ungarns und der Schweiz gebe es Manöver, um den zweitmächtigsten Kirchenmann loszuwerden und durch den diplomatisch erfahrenen Erzbischof von Vilnius, Audrys Backis, zu ersetzen. Gelegenheit dazu könnte sich bereits in Kürze bieten, wenn Bertone bei seinem 75. Geburtstag dem Papst vorschriftsgemäß den Rücktritt anbieten muss. Als einen der prominentesten Gegner Bertones ortet die Zeitung den hochrangigen deutschen Vatikan-Bischof Josef Clemens, "einen der wenigen, die Zugang zum Papst haben" .

Nun berichtet Der Spiegel, dass Clemens als Sekretär des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger 1997 die Übernahme eines Beitrags Ratzingers in einer Publikation des des vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) als rechtsextrem eingestuften Aula-Verlags genehmigte. Dem Spiegel liege der Schriftverkehr des Vatikans mit dem Verlag vor, aus dem hervorgehe, dass Clemens der Publikation des Aufsatzes zustimmte. Der Text erschien 1998.

La Repubblica schreibt, Benedikt XVI. regiere die Kirche wie ein "einsamer Monarch" : "Er berät sich mit niemandem, schottet sich ab und scheint unfähig, wichtige Signale aus der Gesellschaft wahrzunehmen." Habe unter seinem leutseligen Vorgänger in den päpstlichen Gemächern "ein ständiges Kommen und Gehen" geherrscht, so könne man dort bereits um 17 Uhr "gespenstische Stille" wahrnehmen. Bertone reagierte umgehend. Der Papst sei "keineswegs allein, sondern von treuen Mitarbeitern umgeben" . Dass in der Kurie Machtkämpfe toben, will aber sogar der Osservatore Romano nicht mehr bestreiten. In einem Leitartikel werden "Manipulationen und Instrumentalisierungen" in der Kirchenführung angeprangert. (Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD, Printausgabe. 16.03.2009)

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    Ratzingers Sekretär genehmigte den Abdruck eines Artikels im rechtsextremen Aula-Verlag

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