Polizei rätselt über "Amok-Botschaft"

13. März 2009, 20:01
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Die Falschmeldung, der Amokläufer von Winnenden habe seine Tat im Internet angekündigt, blamiert die Polizei

"Ich habe Waffen hier, und ich werde morgen früh an meine frühere Schule gehen und mal so richtig gepflegt grillen." Mit diesen Sätzen, geschrieben in einem Internet-Chatroom, hätte der Amokläufer von Winnenden, Tim K., seine Tat angekündigt. Das behauptete die Polizei noch am Donnerstag.

Doch mittlerweile musste sie dies wieder zurücknehmen, denn auf seinem Computer wurden keine entsprechenden Protokolle gefunden. Sie rätselt nun, woher die Sätze tatsächlich stammen. Hat sie ein Trittbrettfahrer mit äußerst makabrem Humor nachträglich ins Internet gestellt? Oder stammen sie doch von Tim K., etwa von einem Laptop oder Handy?

Die Betreiber des Imageboards krautchan.de (wo man Bilder tauschen und Texte hinterlassen kann) behaupten, die "Botschaft" sei gefälscht, die Polizei auf jemanden hereingefallen, der mit dem Bildbearbeitungsprogramm Photoshop umgehen könne. Ihre Erklärung: Jemand speicherte in der Nacht vor der Tat die Diskussion des Online-Forums als Bildschirmfoto (Screenshot). Dann ersetzte er den harmlosen Text durch die "Amok-Ankündigung". Die Polizei will nun vom Betreiber des Servers, der in den USA steht, wissen, woher der Eintrag wirklich kam.

Trittbrettfahrer hielten die Polizei auch in Heilbronn in Atem. Dort wurde nach einer Amok-Drohung eine Schule geräumt. Für Empörung in Winnenden sorgt, dass in Nürnberg am Freitag ohne Programmänderung die weltweit größte Messe für Jagd- und Sportwaffen IWA begann. Die Veranstalter drücken zwar in einer Mitteilung ihr Mitgefühl nach dem Amoklauf aus, betonen aber auch, dass sie "besonnene Politiker" unterstützen, die jetzt nicht eine Verschärfung des Waffenrechts fordern.

Politiker von Union und SPD haben ohnehin bereits klargemacht, dass es zu keiner Verschärfung des Waffenrechts kommen wird. Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) meint, das Unglück hätte durch eine "wie auch immer geartete Änderung des Waffenrechts" nicht verhindert werden können.

Der 17-jährige Amokläufer Tim K. war mit seinem Vater oft im Schützenverein gewesen. Eine Mitschülerin berichtet außerdem, er habe ihr vor zwei Wochen einen Brief an seine Eltern gezeigt, in dem er sich über Mobbing beklagt und darüber, dass ihn niemand ernst nehme. In Winnenden sind die Toten am Freitag in einem Krankenhaus aufgebahrt worden. Am 21. März findet eine große Trauerfeier statt. (Birgit Baumann aus Berlin/DER STANDARD, Printausgabe, 14./15. März 2009)

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    Eine Kleinstadt kennt nur ein Thema: Die Trauer über den Amoklauf, bei dem ein 17-Jähriger 15 Menschen erschoss und sich dann selbst richtete, ist in Winnenden überall gegenwärtig

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