Dubiose Manieren im Nadelstreif

13. März 2009, 19:50
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Zwischenfall in der Sensengasse

Vor ein paar Tagen fuhren wir aus dem neunten Bezirk in die Innenstadt. In der Währinger Straße mussten wir an einer roten Ampel halten, und als wir da so standen und auf Grün warteten, sahen wir einen etwa vierzigjährigen Mann aus der Sensengasse in Richtung Währinger Straße einbiegen. Noch ehe er aber dort angelangt war, blieb er plötzlich stehen, beugte sich nach vorn, presste den rechten Zeigefinger gegen den rechten Nasenflügel, entledigte sich mit einem ruckartigen Schnauber seines Naseninhalts und schritt dann weiter fürbass. Der gesamte Akt wurde emotionslos, ja geradezu geschäftsmäßig exekutiert. Es war eine Szene, die uns nicht gefiel und wahrscheinlich auch von Herrn Elmayer nicht gebilligt worden wäre.

Ich würde dieses Beispiel dubioser Manieren an dieser Stelle nicht so weitschweifig schildern, wäre der Sensengassenmann nicht so auffällig gekleidet gewesen. Er trug, so viel konnten wir auf die Distanz problemlos erkennen, einen Anzug aus feinstem Tuch, Armani vielleicht oder Tommy Hilfiger, wenn nicht gar einen Bespoke Suit aus der Savile Row. Ein Nadelstreif-Rotzer also, wenn man so will.

Ich bin mir der Gefahr bewusst, dass ich jetzt meine persönlichen Vorurteilsstrukturen vor aller Welt auspacke, aber die beschriebene Art der Nasenreinigung assoziiere ich ja sonst eher mit Menschen im Lendenschurz, die in Gegenden leben, wo noch eine gewisse zivilisatorische Laxheit und Unbefangenheit herrscht. Von Menschen im Nadelstreif nehme ich hingegen leichtfertig an, dass sie, neben einer Montblanc-Edelfeder und einer Visa-Gold-Card, stets ein Taschentüchlein aus Damast mit sich führen und in leitenden gesellschaftlichen Positionen tätig sind.

Die Szene hat eine quälende kognitive Dissonanz provoziert, die seit Tagen an meiner Psyche nagt und mich nach einer Erklärung suchen lässt, wer denn der mysteriöse Sensengassenmann gewesen sein mag. Ein durchreisender Schuldeneintreiber aus einem fernen Land? Oder ein einst begüterter Wiener, der bei Madoff investiert war und sich nun aus Kostengründen keine Papiertaschentücher mehr leisten will?

Mysterien der Krise! Allmählich würde es mich nicht einmal mehr wundern, wenn wir es im kommenden Jahr mit Repräsentanten der Wiener Hautevolee zu tun bekämen, die vor dem Opernball in der Karlsplatzpassage mit tiefen Schlucken aus der Dom-Perignon-Flasche vorglühen. (Christoph Winder, ALBUM, 4.3.2009)

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