Abschotten verpönt, Aufmucken erwünscht

13. März 2009, 19:40
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Die Neue Mittelschule Mattersburg kommt der Vision von Unterrichtsministeri Claudia Schmied ziemlich nahe

Mattersburg - Anna könnte jetzt Tischtennis spielen. Oder draußen mit Freundinnen tratschen. Doch die Zweitklässlerin sitzt lieber im Klassenzimmer, um Geschichte zu büffeln. "Ich will am Montag ja einen guten Test schaffen" , sagt sie. Da kann sie der Bub eine Bank weiter noch so als "Streberin" hänseln.
Für eine Zwölfjährige lässt sich Anna wenig vorschreiben. Nicht, dass sie besonders aufmüpfig wäre - die Lehrer machen einfach keine Anstalten, jeden Lernhappen vorzukauen. Natürlich stellen sie Aufgaben, die erledigt werden müssen. Aber ihre Schützlinge suchen sich vieles selbst zusammen und teilen sich die Zeit recht frei ein. Ganztagsschülerin Anna nützt diesmal eine "Lernstunde" am Nachmittag. Die Tür steht offen, Kinder unterschiedlichen Alters gehen aus und ein, helfen einander. Das sei besser, als zu Hause zu lernen, findet Anna: "Hier ist immer ein Lehrer, den man fragen kann."

"Selbstkontrolle" sollen die Kleinen lernen, sagt die Lehrerin Anna Gruber: "Kinder sind eigenständiger, als ihnen zugetraut wird." Eine Lektion, die auch in der Hauptschule Mattersburg erst durchsickern musste. Als Gruber vor 37 Jahren ihren Dienst antrat, herrschte im geduckten Betonskelettbau das gleiche Regime wie anderswo: dozierende Autoritäten hinterm Katheder, stille Zuhörer in den Bänken. Heute dürfen sich die Mittelburgenländer zur bildungspolitischen Avantgarde zählen. Unterrichtsministerin Claudia Schmied reiht sie unter jene Schulen, die ihrer Vision von moderner Pädagogik sehr nahe kommen. Seit dem Vorjahr gehört Mattersburg auch zum Kreis der "Neuen Mittelschulen" , wie die Gesamtschulen für Zehn- bis 14-Jährige nun heißen.

Kleine Drehs, große Wirkung

Schmieds Schulversuch, von Konservativen heftig bekämpft, löste an der Hauptschule keine Revolution aus. Schon seit den Neunzigern etablieren aufgeschlossene Lehrer hier unkonventionelle Methoden - und nützen immer wieder Lücken im an sich starren Schulsystem.
Kleine Drehs entfalten da große Wirkung: Via Schulversuch haben die Mattersburger, was sonst verboten ist, die Unterrichtsstunde auf 45 Minuten gekürzt und Lehrer damit für unorthodoxe Aufgaben freigespielt. So beginnt der Tag nicht mit Deutsch oder Mathe, sondern mit der "nullten Stunde" , in der soziale und praktische Fähigkeiten geschärft werden. "Wie man miteinander umgeht" erfahren die Kinder da, erzählt der 13-jährige David. Und wie sie am besten mit Lernstoff zurande kommen. Es sei sinnlos, Wissen einzutrichtern, das in zehn Jahren niemand mehr brauchen könne, sagt Direktorin Johanna Schwarz: "Die Kinder müssen heute lernen, wo sie Information bekommen, wie sie sich etwas erarbeiten." Mag sein, dass die abprüfbare Datenmenge gegenüber früheren Generationen schrumpfe: "Aber dafür verstehen die Schüler besser, worum es geht."

Auf eigenen Beinen stehen: Das wird an diesem Nachmittag auch im Musiksaal geprobt. Die Kleineren haben sich über die schmutzigen Gänge beschwert, das Schülerparlament soll das Problem bereinigen. Sprecher Oliver wirkt anfangs etwas verloren, als er, umringt von 40 Schülern, einen gemeinsam ausgetüftelten Wettbewerb für Mülltrennung verkündet: "Erster Preis: 80 bis 100 Euro für die Klassenkasse, keine Hausübung in der zweiten Juniwoche." In Fahrt kommt die Debatte, als es um einen neuen Billardtisch geht: "Das ist wieder nur was für die Buben" , wendet eine Schülerin ein.

"Ihr seid das Parlament" , stachelt die Direktorin die Diskutanten an. Aufmucken ist erwünscht - doch antiautoritär nennt Schwarz ihre Schule nicht. Der Umgangston ist amikal, Regeln aber müssen sein. Noten gibt es ebenso wie Lernziele. Nur dass die Wege dorthin mitunter ungewöhnlich sind.
So weit es die Personalsituation zulässt, unterrichten die Lehrer im Tandem. Sie würfeln die Schüler innerhalb der Klassen durcheinander, formen Leistungsgruppen, lösen sie wieder auf, stützen die Hilfsbedürftigen, lassen die Freigeister werken. Regelmäßig werfen sie den Stundenplan ganz über den Haufen, um den Unterricht fächerübergreifend unter ein Generalthema - von Wald bis Wasser - zu stellen. Unlängst legte gleich die ganze Schule Hefte und Füller beiseite. Drei "Kreativtage" lang durften sich die 487 Halbtags- und Ganztagsschüler austoben: beim Design von Aluminiumschmuck, als Nachwuchsautoren von Kinderbüchern oder in Ethno-Musikkursen mit Didgeridoo und Trommeln.

Exotisch muten auch einige der vielen unverbindlichen Angebote zur "Begabungsförderung" an. Der Kurs "Peer-Mediation" etwa bildet Schüler zu Streitschlichtern aus. Die Absolventen haben bereits einen Kummer-Briefkasten aufgehängt - mit einigem Erfolg: Wer in der Schule Sorgen hat, rennt nicht immer gleich zur Frau Lehrerin.

Chance für Spätzünder

Seit die Schule zur neuen Mittelschule mutierte, sind die Möglichkeiten, einzelne Kinder gezielt zu fördern, gewachsen. In den ersten Klassen, in denen der Schulversuch gestartet wurde, werden die Schwerpunkte Naturwissenschaft, Sprache und Technik offeriert. Und die Schüler haben nun nicht nur die Chance auf ein Hauptschulzeugnis, sondern auch auf einen AHS-Abschluss. Alle werden diese Hürde nicht schaffen, weiß Direktorin Schwarz: "Aber Ziel ist, die Schüler so lange wie möglich auf hohem Niveau zu halten." Weil sie nun nicht schon nach der Volksschule in Hauptschüler und Gymnasiasten getrennt würden, "ist die Tür nicht zu, wenn einem erst mit 13 der Knopf aufgeht" .
Ein Modell fürs ganze Land? Nicht zu dem Preis, den der Staat derzeit für seine Schulen zahlt. Den Anspruch der neuen Mittelschule können die Mattersburger nur deshalb erfüllen, weil sie dank Schulversuch zwei AHS-Lehrer für sechs Klassen extra dazubekommen haben. Dabei, fügen alteingesessene Lehrer hinzu, arbeiteten sie während der Schulwochen ohnehin schon länger als 40 Stunden: "Eine Schule wie diese führt einfach zu mehr Arbeit. Aber auch zu größerer Zufriedenheit."
 (Gerald John/DER STANDARD-Printausgabe, 14./15. März 2009)

 

  • Viertklässler Oliver bringt dem Schülerparlament das Müllproblem nahe: In der Neuen Mittelschule Mattersburg sollen Kinder lernen, auf eigenen Beinen zu stehen.
    foto: standard/newald

    Viertklässler Oliver bringt dem Schülerparlament das Müllproblem nahe: In der Neuen Mittelschule Mattersburg sollen Kinder lernen, auf eigenen Beinen zu stehen.

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