Osteuropa: Konjunktur der "Kaputtschreiber"?

13. März 2009, 19:15
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Ernst-Gideon Loudon über echte Risiken, gemachte Ängste und die Kritik an der Rolle der Austro-Banken

Von echten Risiken und gemachten Ängsten in der Debatte über Ursachen und Auswirkungen der Finanzkrise in den Ländern des ehemaligen Ostblocks und zur Kritik an der Rolle der österreichischen Banken.

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Seit zirka sechs Wochen wird Zentral- und Osteuropa von der sonst so geschätzten und fundiert schreibenden angelsächsischen Qualitätspresse systematisch kaputtgeschrieben. Man bezieht sich dabei zumeist auf Analysen von Rating-Agenturen, Investmentbank-Analysten und interne Papiere von internationalen Organisationen, die sich beim Versuch, die jeweiligen Schlussfolgerungen nachzuvollziehen, als ziemlich oberflächlich und fragwürdig herausstellen. Beispielsweise die angeblichen 230 Milliarden Euro an Kreditforderungen österreichischer Banken in Zentral- und Osteuropa, in denen sich auch die Finanzierungsströme der Mütter an die lokalen Bankentöchter wiederfinden.

Auch Kenner von hohen Graden (z. B. Timothy Garton Ash, Standard, 28. Februar) sind teilweise Opfer dieser Gehirnwäsche. Selbst die Vertreter renommiertester internationaler Organisationen bringen Zahlen und Einschätzungen ins Gespräch, die ihrerseits wieder aus Gerüchten oder aus Zeitungslektüre entstanden sind und die dann ihr verwirrendes Eigenleben entwickeln. In Verknüpfung mit ohnehin schon nicht leicht verständlichen Begriffen wie Verlustpotenzial, tatsächlicher Verlust, Rekapitalisierungslücke, Funding Gap, Risikopositionen etc. werden diese Zahlen verwendet, um die unmittelbar bevorstehende Implosion Zentral- und Osteuropas vorauszusagen. Als Beispiel sei etwa der Irrglaube genannt, dass die Höhe ausgefallener Kredite ident ist mit dem daraus tatsächlich entstehenden Verlust.

Jeder, den diese Situation interessiert, sollte einen Schritt zurücktreten und sich Folgendes vor Augen halten:

1. Die Finanzkrise hatte aus ganz anderen Gründen ihren Ausgangspunkt in den USA und traf vor allem die Finanzmärkte und -institute in Westeuropa und Nordamerika. Die Wirtschaften Zentral- und Osteuropas in all ihrer Unterschiedlichkeit haben am wenigsten dazu beigetragen.

2. Die Kapitalvernichtung in den USA und Westeuropa hat vor allem die Liquidität des internationalen Bankensystems erheblich beschädigt. Vereinfacht gesagt: Amerikanische Pensions- oder Hedgefonds mussten nicht nur amerikanische Aktien und Anleihen, sondern auch Anleihen und Beteiligungen in Zentraleuropa verkaufen - nicht weil Zentraleuropa so schlecht ist, sondern weil sie verkaufen mussten, um ihren Zahlungsverpflichtungen gegenüber Pensionisten bzw. Anlegern nachzukommen!

3. Timothy Gordon Ash schreibt zwar zu Recht, dass durch die engen finanziellen Verflechtungen mit Westeuropa das Problem aus dem Westen nach Zentraleuropa importiert wurde. Er irrt aber, wenn er behauptet: Jene westlichen Banken, die in Zentral- und Osteuropa vor Ort aktiv sind, hätten nun ein Problem, weil sich ihre westlichen Eigentümer zurückziehen. Es gibt dafür absolut keine Evidenz.

4. Richtig ist hingegen, dass westliche Banken, die in Zentraleuropa nicht vor Ort tätig sind, ihre Finanzierungsaktivitäten auf ihr jeweiliges Kerngebiet einschränken (müssen). Und das hat auch Auswirkungen auf Zentraleuropa, ohne dass die betroffenen Länder das verursacht hätten und ohne dass das etwas mit den vor Ort tätigen Banken zu tun hätte.

Ablenkungsmanöver?

5. Außerdem wird vollkommen übersehen, dass in jedem dieser Länder ganz überwiegend lokale Einleger den lokalen Banken ermöglichen, lokalen Kunden Kredite zu geben. In manchen Ländern, wie Tschechien und Slowakei, gibt es dann noch einen Einlagenüberschuss, der international veranlagt wird. Im Baltikum und in wenigen anderen Ländern sind die vergebenen Kredite höher als die Einlagen (ca. 20 %), wobei die Differenz zumeist von den Mutterbanken refinanziert wird. Wenn also eine (viel zu hohe) Zahl von ca. 200 Mrd. Euro österreichisches Exposure in Zentral- und Osteuropa durch die Medien geistert, dann sollte nicht vergessen werden, dass ca. 90 Prozent davon lokal finanziert sind.

6. Auch die vor uns liegende Krise der Realwirtschaft muss in ihren Auswirkungen auf Osteuropa unter diesen Gesichtspunkten gesehen werden. Manchmal hat man das Gefühl, dass das "Kaputtschreiben" Zentral- und Osteuropas ein einziges großes Ablenkungsmanöver ist, um von einer anderen Tatsache abzulenken: Die sich gerade entfaltende Rezession wird ihre negativen Auswirkungen zunächst einmal in Westeuropa entfalten und damit die Banken in Westeuropa nochmals (also zusätzlich zu den Auswirkungen der internationalen Finanzkrise) schwer treffen. Die Volkswirtschaften Zentraleuropas sind dadurch insoweit betroffen, als sie stark exportabhängig sind und daher ihre Unternehmen, die zum Teil drastischen Rückgänge der Aufträge aus dem Westen zu spüren bekommen. All dies ist also nicht die Folge einer verantwortungslosen Wirtschaftspolitik in Zentral- und Osteuropa oder eines sorglosen Handelns der dort tätigen Banken, sondern es ist das Ergebnis "unserer" westeuropäischen Rezession, die nach Zentraleuropa exportiert wird.

Währungsprobleme

7. Die Währungen Zentral- und Osteuropas waren in den letzten Monaten einem starken Abwertungsdruck unterworfen - zum Teil als Ergebnis einer aggressiven Spekulation, teilweise weil viele westliche Finanzinvestoren, die ihrerseits mit Kredit gearbeitet haben, den es nun auf einmal nicht mehr gibt, ihre Beteiligungen weltweit und so auch in Zentraleuropa verkaufen mussten. Das übte und übt erheblichen Druck auf die lokalen Währungen aus.

8. In Vorbereitung des EU-Beitritts wurde in allen neuen Mitgliedsstaaten die Währungskonvertibilität eingeführt. Diese hat nun einmal zur Folge, dass man sich im Inland auch in ausländischer Währung verschulden kann. (ein Umstand, der den meisten Häuselbauern in Österreich bestens bekannt sein sollte.) Auch sollte nicht vergessen werden, dass die Verschuldung in diesen Ländern im Vergleich zum Brutto-Nationalprodukt nur einen Bruchteil dessen ausmacht, was sie in Österreich ausmacht (in Rumänien z. B. weniger als ein Viertel der österreichischen Verschuldung). Insgesamt liegt der Verschuldungsgrad in Zentraleuropa weit unter dem in Westeuropa und steht in überhaupt keinem Vergleich zu den einschlägigen Auswüchsen in Großbritannien und in den USA.

9. Zur Finanzierung der Rettungsaktivitäten in den USA und in Westeuropa werden die Anleihemärkte stark in Anspruch genommen werden. Dabei kann es zu einem Verdrängungswettbewerb zulasten der zentral- und osteuropä-ischen Volkswirtschaften kommen, und hier wird die internationale Kooperation hoffentlich ansetzen: Indem man jenen Staaten, die Schwierigkeiten bei der Refinanzierung ihrer (nur zum Teil überhöhten) Auslandsverschuldung haben, via Weltbank, Währungsfond etc. die Möglichkeit bietet, sie bei der Bewältigung dieser Probleme zu unterstützen.

Fazit: Der Verwirrung stiftende Informations-Tsunami über die wirtschaftliche Situation in Zentral- und Osteuropa verdeckt leider im Jahr des 20-Jahr-Jubiläums des Falls des Eisernen Vorhangs den Blick auf alle herausragenden politischen und wirtschaftlichen Leistungen, die in diesen Ländern seither stattgefunden haben, wie von Hans Rauscher (STANDARD, 28. Februar) so richtig beschrieben:

"Was in den vergangenen 20 Jahren geschehen ist, war eine der größten Investitionen zugleich in die Freiheit der Menschen und ihrer wirtschaftlichen Entwicklung." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.3.2009)

Zur Person

Ernst-Gideon Loudon ist seit dem Fall des Eisernen Vorhangs in verschiedenen Funktionen in und für die Länder Zentral- und Osteuropas und seit 2000 als Berater der Erste Group tätig.

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